Daheim & Unterwegs

Unser erster Tag in Georgien: Kasbeck

Wir wachen im Morgengrauen auf, weil jemand am Auto wackelt? Passt jemand nicht, wo wir stehen? Nein, ein ungestümes Kalb, schubbert sich am Auto. Hach!

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Etwas später aber wieder Kamaz-Geröhre. Ein Alptraum von der Fahrt in der Nacht? Nein. Die Baustelle ist wach geworden und wird mit schwerem Gerät bedient. Mich stört es nicht all zu sehr, die Beifahrerin schon.

Aber gegen halb neun setzt massiver Geländewagen Verkehr ein. Und ab 9 wälzen sich kleine Mitsubishi Allrad Busse den Berg hinauf. Fast Stosstange an Stosstange und alle mit Vollgas.

Interessant ist, das es sich fast ausschließlich um Rechtslenker handelt. Zum Teil haben die auch noch japanische Aufkleber drauf. Also wohl gebraucht Importe aus Japan. Oft fehlen Stoßstange und Kühlergrill.

Zwischendurch kommt ein Spritzwagen und versucht den Staub etwas im Griff zu halten. Spaziergang. Schöne Steine sammeln, Pferde auf den umliegenden Kämmen bewundern, inzwischen alle Betonmischerfahrer kennen und grüssen.

Ach da oben ist die Dreifaltigkeitskirche (Gergeti Trinity Church, წმინდა სამება). Das touristische Highlight in der Region. Und anscheinend wird da grad eine Touristenbusskompatible Piste hin gebaut. Das erklärt den Auflauf hier.

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Erstmal ein bisschen die Umgebung erkunden. Die Umgebung kommt auch zu uns: Kühe und Pferde um das Auto herum. Unde dioe Stadt. Drumherum die Berge.

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Auf den Kämmen ganz oben wiederum Pferde.

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Und der Fels hat - weil vulkanischen Ursprungs - so viele Farben. Ist das schön hier!

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Plan ist, erstmal den Ort zu besuchen und dann gegen Abend die Kirche. Ob wir da hin laufen? 500 m Höhenunterschied … nee das fahren wir. Aber erstmal den Ort erkunden.

Der Verkehr in den Ort hinein ist wieder spannend. Auf der Brücke über die Schlucht in der Baustelle im Gegenverkehr überholen. Warum auch nicht? Passt ja immer irgendwie. Langsam gewöhne ich mich an den georgischen Fahrstil. Wenn man das knappe Einscheren mal gefressen hat und die Tatsache, dass durchgezogene Linien und Tempolimits nicht mal Empfehlungscharakter haben, dann ist es eigentlich recht entspannt.

Der “Martruska Platz” ist wieder rand voll mit Mitsubishi Delica 4x4 Büsschen bei denen bei der Hälfte die Kühlergrills fehlen und bei drei viertel mindestens eine Stosstange. Aber alle haben eine Leiter am Heck und ein Roof Rack. Jede Menge grell blinkende CHANGE (Wechselbude) Schilder. Oh my! Weiter! An der architektonisch sehr schicken Regionalverwaltung vorbei und am Fussballplatz gehalten. Direkt neben zwei grossen feuerverzinkten 1.5 m3 Mülltonnen - wie sie früher zuhause immer vor den Wohnsiedlungen standen - parken wir das Wohnmobil. Müll entsorgen ist in Georgien kein Problem, überall stehen Tonnen - wohl zum Allgemeingebrauch - herum.

Polizeiwache

Auf dem Fussballplatz wird sehr eifrig trainiert. Wir schlendern in den Ort. Ein liebevoll gemachtes Cafe - “Best Burgers” wirbt ein handgemaltes Schild - läd ein. Aber wir wollen weiter. Die Spielplätze an Schulen, Kindergärten und in Parks sind excellent. Der Park durch den es geht hat einen bonbonfarben bemalten Liebesbrunnen und eine Gasleitung, die 10 cm über dem Boden quer über den Weg geht. Eine rege besuchte öffentliche Toilette - wofür die ganzen Wasserkanister davor? - mehr Cafes. Alles ganz nett. Wir kommen zum Platz und da ist es nur noch halb so nett. Wechselstube oder Geldautomat? Der Reiseführer sagt, die Bank habe keinen Automaten. Schau’n wir mal! Etwas den Berg rauf ist das Nationalparkzentrum. Durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) gefördert und vor zwei Monaten eröffnet. Sehr schick. Sieht aber auch etwas aus, als wäre es von Aliens hier abgeworfen. Eigene Stromversorgung. Informationen über den Park. Aber nichts über die lokalen Möglichkeiten im Ort. Da müssen die wohl noch etwas am „community outreach“ arbeiten. Wir stapfen mit einer Überblickskarte davon.

In Georgien scheint das meiste dreisprachig zu sein: Georgisch (Georgisches Alphabet, ქართული ანბანი) , Englisch (Lateinisches Alphabet), und meist Russisch (Kyrillisches Alphabet, Кирилица, Кириллица). Im Nationalparkzentrum ist alles nur Georgisch und Englisch. Nach einigem Nachdenken finde ich es gut, das die KFW da nicht Deutsch als Sprache durchdrückt. Wer als deutscher Tourist hier hin kommt kann mit hoher Wahrscheinlichkeit ein paar Worte Englisch. Aber warum nicht Russisch? Wir sind direkt an der Grenze und alles ist voll mit osteuropaischen Touristen? Keine Ahnung ob Russisch eine Weltsprache ist, aber im ehemaligen Ostblock kommt man damit schon sehr weit.

Vom einem Backpacker Hostel - mit den üblichen Backpackern - geht es bis zur schnieken Wein-Bar. Wir landen auf dem Hauptplatz im Cafe 2100 mit downtempo Musik einem verstörten Kellner mit „Work of Art“ über den rasierten Schädel tätowiert und weitern coolness Attributen. Internationales ehr osteuropäisches Publikum. Und eine Gruppe Backpacker mit etwa 40 leeren Bierflaschen auf dem Tisch.

Was sagte ein Freund in Köln dazu: wir Backpacker fahren auch eigentlich oft immer an die gleichen Orte und saufen und kiffen da die meiste Zeit. Ist eigentlich wie der Ballerman auf Malle, aber wir fühlen uns dabei als Avantgarde.
So ein bisschen geht uns mit den Autonomen-LKW-Wohnmobilen ja auch so. Und was man sich immer wieder klar machen muss: dadurch dass man die etwas weniger ausgetretenen Wege nimmt, bereitet man diese Wegen natürlich auch ein bisschen für den ach so verhassten Massentourismus vor.

Fisch

Wir kaufen noch in einem Laden ein, in dem es vor allem gefrorenen ganzen Fisch, getrockneten ganzen Fisch, Getränke und diverse Sachen in Ecken, wo man sich nicht sicher war, was es ist, ein. Obst und Gemüse gibt es scheinbar ausschliesslich an Straßenständen. An einer Wechselbude kaufen wir für 10 Lari eine SIM-Karte („Telephone-Number“) von beeline.ge. Die sollen wir im Internet oder an einem Automaten mit Guthaben zum Surfen aufladen. Das wird uns tagelang nicht gelingen.

Auf dem Rückweg zum Auto ein Plausch mit dem Fahrer des hinter uns geparkten Minibuses. Es geht - wie in Georgien schon so oft - darum, was das Wohnmobil gekostet hat („selbstgebaut“ ist meine aktuelle Standard-Antwort), was die Karre verbraucht (sein Sprinter nur 11 Liter, damit ist er sehr zufrieden), das Wohin, Woher, wieviele Kinder. Dass man verheiratet ist und Kinder hat wird gemeinhin vorausgesetzt.

Zurück die Piste hoch zur Kirche. Vor dem Baustellenschild da abbiegen, wo ich am Morgen die Minibusse habe abbiegen sehen. Ein bleiner Pfad, zwischen parkenden Baggern durch dann eine Brücke aus Rohren, die ganz sicher nicht für uns passt. Aber es gibt eine Umfahrung über in den Fluss geworfenen Rohren.

Dann wieder breite, ins Tal geschobene Piste. Von oben schiessen regelmässig Minibusse an uns vorbei und von unten kommen jetzt mehr Geländewagen.

Auffahrt

Nach der nächsten Flussquerung wird die Piste steiler und enger. Im doch recht regen Verkehr schaukele ich irgendwie den Laster den Berg hoch. Zum Glück sieht der Gegenverkehr doch in der Regel ein, wer da mal besser zurück setzt. Alles in allem geht das recht gut bis oben, ist aber auch echt anstrengend.

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Auf der Alm angekommen sehen wir die berühmte Dreifaltigkeitskirche am anderen Ende und das übliche wirre Flechtwerk aus verschiedensten Fahrspuren im Gras, die immer versuchen das Geschaukel der alten Spuren mit neuen Spuren zu bekämpfen. Wir schaukeln jedenfalls ganz gemächlich und vielfach überholt bis zum Fuß der Kirche und steigen aus. Es ist kurz vor sechs. Es gibt einen Wohnwagen als Kaffeebude und zwei Dixies, einen neu gebauten Souveniershop (zu) mit zwei Klos (zu) und den Aufstieg zur Kirche.

Ein sehr schöner Blick auf den Berg Kasbek (ca 5100m), wo Prometheus angeblich von Zeus angekettet wurde.

Anscheinend kommen kaum noch Minibus-Besucher, sondern es sind jetzt vor allem Gäste in Privatfahrzeugen. Ein Padre (Naja, jemand mit Bart und Kutte, keine Ahnung was da die klerikalen Ränge sind) kommt uns zu Fuß entgegen. Ein anderer steigt aus einem sehr erfahrenden Pajero Geländewagen, der uns vorhin doch noch so schwungvoll überholt hatte.

Um auf das Kirchgelände zu kommen muss man durch den Glockenturm, in dessen Halbdunkel zwei Bettlerinnen mit einem Kleinkind hausten. Zumindest lassen das die Isomatten und die vielen leeren Becher von der Kaffeebud vermuten. Irgendwie eine komische Szene. Die Turmbesatzung war jedenfalls mit einem Padre sehr dicke und über die 5 Lari - ich hatte nichts kleineres - keinesfalls sonderlich erfreut.

Auch sprangen auf dem Kirchengelände noch drei Kinder rum, die je einen Stapel Postkarten hatten, die sie jedem („No Money“) in die Hand drücken wollten, aber gerne auch selber mal versonnen anstarrten. Keine Ahnung was da ging. In die Kirche selbst dürfen Männer nur in Hose und Frauen nur in Rock und mit Kopftuch rein. Da ich zufällig keinen Rock an hatte, kurz reingeschaut. Das grelle LED Licht des Andenkenverkäufers in der Ecke nahm dem Raum einen Grossteil seines Zaubers. Mehr sollen die Kunstführer dazu sagen. Meinen Informationen zur Folge hat der Christliche Gott keine Probleme mit Frauen ohne Kopftuch und Männern in Röcken; stattdessen wurden mal recht rabiat von ihm die Händler aus dem Gottenshaus geworfen. Aber die Georgische Kirche mag da anders informiert sein. Oder einfach mal an ihren Geschlechtervorstellungen feilen.

Vor der Kirche lief noch ein Dicker Padre mit Rauschebart, 3 Blutjunge (16) Jungs in Uniform, 2 Erwachsene in anderer Uniform und zwei drahtige ältere Kerle in Trekkingklamotten rum. Die hatten auch noch eine Georgische Fahne dabei und machten jede Menge Gruppenbilder in allen erdenklichen Posen.

Vom Kirchgelände runter sind die meisten Autos weg. Die lustige Kaffeebude hat leider schon zu. Auf der anderen Seite der Alm stehen links 5 Zelte und 8 Autos. Rechts ein Buschtaxi mit Zelt daneben, 200 m davon weg auch irgendwas mit Zelt. Ich will mich auf die Kuppe an der „Einfahrt“ zur Alm stellen. Da stand einige Zeit lang ein Minibus.

Vor dem Hügel stehend frage ich mich, wie ich da elegant hoch komme, ohne runterzupurzeln oder den kleinen Schrein kurz vor der Kuppe um zu fahren. Oder war die grade Stelle etwa hinter der Kuppe? Anwesende Geographinnen behielten Recht - was ich aber erst nach einem Erkundungsgang glauben wollte.
Immerhin lernte ich noch die perfekt englisch sprechende Besatzung eines Toyota HZJ105 (etwas moderner als ein Buschtaxi, etwas zu klein, aber geil) kennen. Einparken, steht grade, uff!

Dann beginnen die Kühe auf der Alm zu rangeln. Und dann schleicht ein grosser Hund um das Auto, um sich dann mit einem kleineren Streuner zu treffen und ein bisschen zu balgen. Plötzlich ist da ein ganzes Rudel verwilderter Hunde - alle ohne Ohren und viele ohne Schwanz - und beginnen die Camper zu belästigen. Die ganze Nacht wird uns sporadisches Gebell begleiten. Im Zelt sicher nicht lustig.

2100 m. Aber kein Blutmond oder Mondfinsternis zu sehen. Der Himmel und die Luft sind trotzdem toll. Zuschauen, wie in den Zelten das Licht aus geht. Gute Nacht!

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