Daheim & Unterwegs

Die Grenze nach Georgien

Nach 11 Tagen und 4500 km durch Polen, die Ukraine & Russland sind wir in Georgien. Es ist irgendwann nach Mitternacht. Wir verlassen den Zollhof - und landen in einer Mondlandschaft. Das Ganze ist einem Steinbruch nicht unähnlich: überall Schotterhaufen, schweres Gerät, Betonblöcke. An einen Turm aus Betonquadern hat Jemand „Tiflisi —>“ gesprüht. Wir quetschen uns durch die Nische zwischen den Betonblöcken und einem Erdwall. Die Strecke hat höchstens Feldwegniveau. Wie kommen hier die 40tonner durch? Ob hier auch der Gegenverkehr durch muss? Wie soll das gehen? Sofort beantwortet sich die Frage: Der Gegenverkehr muss hier durch und es geht sehr schlecht.

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Von der Grenze müssen wir auf knapp 10 km noch 500 Höhenmeter gewinnen, bis zur nächsten Stadt, Stepanzminda (Stepantsminda, სტეფანწმინდა manchmal auch noch Kazbegi, ყაზბეგი, Kasbek, Qasbegi, Quasbeki) gelangen.

Die Fahrt dahin ist abenteuerlich: Die durchaus kühn geführte Trasse ist in ehr schlechtem Zustand. Etwas anderes als unbeleuchtete Tunnel erwarte ich ja gar nicht. Rechts und links der Strecke kann man Klöster und jede Menge Wasserkraft erahnen. Und viele Kamaz LKW Gespanne kämpfen sich unter grossem Getöse und in Schwarze Russwolken gehülllt die Passtrasse hinauf. Mit vielleicht 30 km/h. Gelegentlich kommt uns ein 40 Tonnen Sattelschlepper entgegen. Auf der Strasse passen an vielen Stellen zwei Laster nur so eben an einander vorbei. Leistungsmässig käme ich gut an den Kamaz vorbei, aber die Strecke lässt das kaum zu. Und vor jedem Kamaz kommt der nächste Kamaz. Grade die Anhänger haben nur gelegentlich funktionierende Beleuchtung.

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Eine unwirkliche Szenerie. Das enge Tal. Scheinwerferkegel, die mal die Fahrbahn, mal Felswände und mal irgendwelche Gebäude, Baumaschinen, Strommasten aber auch mal ein Kirchlein oder einen Schrein beleuchten. Die Rauschschwaden und das Brüllen der Motoren unter Vollast. Das ganze bei 25 C.

Irgendwie will ich aber auch nicht die ganze Zeit auf den Hintern von einem Kamaz schauen … und dessen Ausdünstungen inhalieren. Irgendwie wäre überholen ja doch gut. Da helfen einen die unbeleuchteten Tunnels. Die sind breit, recht grade und man kann an den Scheinwerfern einigermassen zuverlässig erkennen, ob einem etwas entgegen kommt.

Zwischendurch überholen uns immer wieder - auf haarsträubende Weise, wie ich denke - PKWs. Irgendwie aus Prinzip (so wie ich die Kamaz). Denn oft sind die PKW so überladen, dass sie kaum schneller sind, als unser Wohnmobil. Das macht das Überholen natürlich langsam und gefährlich. Auch wird gerne mal versucht, uns im Tunnel beim Überholen zu überholen. Nunja, der Reiseführer erwähnte schon die sehr forsche georgische Fahrweise. Ein bisschen hatte sich das auch schon auf den letzten paar duzend Kilometern vor der Grenze angekündigt. Ob das die Bergluft ist?

Irgendwann sind wir an allen Kamaz vorbei und damit aus Sicht der PKW der Grund, das sie noch nicht zuhause sind. Jetzt wird es richtig spannend mit dem Überholen. Da ist ja auch wieder ein Kamaz vor uns, aber das kriegt hinten keiner mit. Enge an den Berg geschmiegte Kurven. Ich dicht hinter der orangen Ladeklappe des Kamaz. Alle fahren Vollgas. Ein PKW schiebt sich neben mich. Das passt zwar eigentlich gar nicht, ist dem aber egal. Wenn ich jetzt vom Gas gehe, ist der Schwung weg und ich hänge am Berg doof fest.
Mach ich aber trotzdem ein bisschen, um den Abstand zu dem Kamaz zu vergrößern. Das hilft aber rein gar nichts, denn 1. hat der PKW ja jetzt erkannt, das ich nicht der Grund für das Tempo bin und will auch am Kamaz vorbei - schert also nicht rechts ein. Und 2. ist da inzwischen ein zweiter PKW aufgetaucht.

In der Ferne sehe ich derweil Scheinwerfer vom Gegenverkehr. Bis der näher kommt ist ein dritter PKW neben der Fahrertür aufgetaucht. Hinter der Kurve entgegenkommend der Kühlergrill eines riesigen Volvo Haubers der dankenswerterweise wie ein Weihnachtsbaum beleuchtet ist (was man bei uns so „US-Truck“ nennt), so dass man seine Aussmasse gut abschätzen kann: Passt auf keinen Fall. Die Hecktür vom dritten PKW sieht so aus, als hätte ich sie gleich im Radkasten. Ich ziehe nach rechts („Bremsen, nicht in den Graben fahren“ hatte der Fahrlehrer doch immer gesagt) ein „Vorsicht, hier rech…!“ vom Beifahrersitz und BAMM! - hat der Spiegel Kontakt mit einem Felsvorsprung. Oh. Irgendwie passt dann doch alles, nur ich kann nicht mehr sehen, wo mein rechtes Hinterrad fährt, was auf so einer Strasse echt doof ist.

Später schaue ich nach, wie es mit den Verkehrstoten pro Einwohner in Georgien aussieht. Etwa 3 drei mal so viele, wie daheim. Ich hätte nach dieser Passtrasse schlimmeres vermutet …

Bei Stepantsminda angekommen sind wir aber doch ganz schön angeschlagen. Die Grenze war nicht wirklich lustig und die verkehrstechnische Begrüssung in Georgien aufregend. Rechts geht eine riesige Baustrasse rein. Die nehmen wir. Es geht steil bergauf. Nach vielleicht einem Kilometer Absperrungen. Wir drehen um und finden gut hundert Meter tiefer einen einigermassen graden Platz für die Nacht. Durch das Führerhaus sehen wir die Lichter von Stepantsminda. Und gelegentlich Scheinwerferkegel, die sich die gegenüberliegenden Talwand hinaufschrauben. Da gibt es Strassen?

Der Bach, der das Seitental geschnitten hat, rauscht wunderbar verwunschen. Ums Auto herum hört man Pferde und Kühe das Gras abrupfen. Wunderbare Bergluft zieht durch die offenen Fenster - und endlich sind mal keine Mückengitter nötig. Ich war es so leid, die Welt nur durch Gitter zu betrachten.

Schön!