On-Road, Offroad und Fahrzeugbergung

„Damit kommst Du sicher überall hin, oder?“ das ist oft die Gesprächseröffnung, an der Tankstelle, die ich höre. Kurze Antwort: „nö“.

Ich fahre ja eigentlich einen aufgepimpten Strassen-LKW. Ein Schlechtwegefahrzeug. Das ist kein Zetros, KAT, Unimog. Aber ganz ehrlich: auch diese Dinger kommen meist nicht weiter „wo kein Weg ist“. Auf einer Wiese, in einer Sand- oder Salzwüste und von mir aus auch in der Steppe kann man vielleicht querfeldein fahren.

img_8952Aber im Wald, im Busch, in den Bergen, im Sumpf, in allen anderen Formen der Wüste, Tundra, Getschern, der Stadt und überall sonst fährt man eigentlich immer da lang, wo schon jemand anders lang gefahren hat. Und üblicherweise auch schon ein wenig den Weg bereitet hat. Man ist also schon auf einer Art Straße/Weg/Piste unterwegs.

Auf der ganzen Russlandtour waren wir nie weiter als 10 Meter von auf der Strasse, die sich auf OpenStreetMap findet, entfernt. Die meisten waren auch auf einer 1:2 Mio Strassenkarte verzeichnet. Kurzum: das war nicht Off-Road sondern Right-On-Road. Auch in Island war ich kein mal Off-Road unterwegs, wobei die Strasse teilweise nicht immer so leicht von der restlichen Landschaft zu unterscheiden war …

Gut: wenn man von „unsurfaced road“ bzw. „Strassen ohne feste Decke“ reden will, war ich Off-Road unterwegs. Etwa 750 km in Russland und 3500 km in Island würde ich schätzen.

IMG_9998Am materialmordensten waren allerdings Strassen mit schlechtem Unterbau. Etwa 500 km meiner Strassen bei der Anreise in den Ural waren sehr schlimm und knapp 400 km nach Jugorsk waren Betonplatten, die sehr auf das Material gingen.

Opfer des Gerüttels waren zwei Staukästen am Fahrzeugrahmen, die Befestigung des Dachträgers, die Abdeckung des Bordsteinspiegels, die Halterung des Feuerlöschers im Aufbau (Feuerlöscher hat einiges kaputtgeschlagen) und ein Schubladenverschluss. Die Handtücher sind immer wieder vom Haken gefallen und die Kaffeekapseln aus der Kaffeemaschine. Und im Fahrerhaus dauerte es ein paar Tage, bis ich für alles einen Platz gefunden habe, wo es bei Bodenwellen nicht mehr überall her segelt.

Und alles, was kaputt rütteln oder scheuern konnte, ist kaputt gerüttelt. Ein duzend Wasserflasschen, zwei Tetrapacks mit Saft und eins mit Milch, ein Fläschchen Schraubensicherungslack, ein Sack Holzkohle, vier Säcke mit Schneeketten und ein Ei. Was nicht kaputt gegangen ist und aus Metall war, hat bleibende Spuren und Abrieb hinterlassen: Insbesondere Konservendosen und die Schneeketten. Zusätzlich zum Kohlen und Plastikstaub.

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Also: alles On-Road aber doch ehr rau.

Troz On-Road: auf vielen der von uns gefahren Strassen konnte man nicht so ohne mir nichts dir nichts lang fahren. Was ist mir da nicht alles begegnet!

dsc00057Furten

Durch Flüsse Fahren ist immer auch aufregend. In Sibirien weniger aufregend, als in Island. Ausser man kommt doof von der Furt ab. Zum Furten fahren hab ich schon mal eine Anleitung geschrieben.

DSC00207Kaputte Brücken / Rohre

Brücken von denen man sich nicht sicher ist, ob sie einen tragen. Brücken, die bedenklich Knirschen. Brücken, die zu schmal sind. Brücken mit Verbotsschildern. Brücken, die man besser umfährt. Brücken die über mächtige Ströme führen. Brücken die zusammengebrochen sind. Rohre, die als Brücke dienen. Wird nicht langweilig. Ist immer Nervenkitzel.

Bodenwellen

IMG_8721Das schlimmste. Erwischt einen mal so und mal so. Manche kann man erahnen. Vor anderen wird man durch Bremsspuren auf der Strasse gewarnt. Andere erwischen einen Unverhofft und lassen die Federungen von Fahrwerk, Fahrerhaus und Sitz an die Endanschläge knallen. Irgendwann sind die Stossdämpfer bei 39° C Aussentemperatur heissgelaufen und dämpfen auch kaum noch was.

Rally-Fahrwerk ist da vermutlich das einzige, was hilft, wenn man schneller als 15 km/h fahren will. Ich musste immer wieder in den Stand ‚runter Bremsen, weil sich der Laster so aufgeschaukelt hat.

Kaputter Holz-Unterbau / Knüppeldamm

img_9516Grosse Teile der Pisten in Sibirien sind auf einem Knüppeldamm errichtet. Wenn dann die Deckschicht weggespühlt wird, fährt man über Baumstämme, das rüttelt und ist zum Teil glitschig. Wenn die Baumstämme dann kaputt sind, werden sie gerne neben die Piste gelegt und man hat im Knüppeldamm grosse und recht tiefe Pfützen. Gerne auch noch mit vereinzelten Baumstämmen drin, mal quer und mal längst.

Wenn die beschädigten Baumstämme nicht weggelegt werden, werden sie von den Reifen kaputt gefahren und übrig bleiben zwei Spurrillen/Pfützen und in der Mitte ein kleiner Knüppeldamm, bereit einem das Diff zu zerkratzen.

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Unter all den Bäumen hat auch der Kühlerschutz durchaus gelitten.

 

IMG_9992Baustellen

Baustellen waren eine erstaunlich grosse Problematik: unübersichtlich, schwierige Verkehrslage, manchmal wilder Gegenverkehr, holperig (in Polen war ich ja sogar man von der Baustrasse gerutscht), und vor allem hab ich mir jede Menge Teer oder Bitumen oder so ans Auto gespritzt. Muss noch runter.

dsc07240Bäume

Auf wenig befahrenen Strecken liegen sie gelegentlich mal auf der Piste. Oder hängen weit in den Lichtraum der Piste, weil sie da mehr lich kriegen als im Wald. Zum Glück alles ehr dünnes Birkenzeug. Mit einer kleinen Säge, Beil oder Machete gut zu beseitigen. Aber wenn man 5 km mit ununterbrochen in den Weg ragenden Bäumen hat, gibt es halt Kratzer.

IMG_8755Schlaglöcher

Rumsen. Man kann nicht vor jedem abbremsen. Irgendwann wird man ganz gut darin, eine Ideallinie zwischen den Dingern zu suchen. Man verschätzt sich aber auch immer mal wieder. Rummms! Langsam fahren ist nicht wirklich eine Option, wenn man mehrere hundert Kilometer am Tag fahren will.

dsc09646Matsch & Pfützen

img_0696Gab es noch und nöcher. Hunderte von Kilomentern kein einziger Stein, aber aufgeweichter Sand- oder Lehmboden. Gefühlt ist der Grundwasserspiegel 30 cm unter der Oberfläche. Zum Glück schien keins der Löcher „grundlos“ so dass man immer weiter einsank. Aber es gab auf dem Schmier oft praktisch gar keine Traktion. Mit wenig Reifendruck und viel Gefühl kam man aber sehr weit.

Gelegentlich waren Spuren so ausgefahren und Glitschig, dass wir einfach nicht in die Nachbarspur wechseln konnten. Da war schaufeln angesagt. Der Matsch war relativ weich, hat aber doch den Kühlerschutz deutlich verformt und den Schalter von der hinteren Differenzialsperre abgerissen.

Steine

dsc09987Weiter drin im Ural war es Pisten aus denen immer mal wieder gewachsener Fels heraus schaute. Da war nur Schritttempo drin. Ausserdem hatte man durchaus das Gefühl, wieder mehr Luft in die Reifen machen zu müssen, um die Flanken vor Beschädigungen zu schützen.

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Bergen

dsc09627Wenn es nicht weiter geht, wie kommt man dann weiter?

Luft aus den Reifen. 2.0 bar oder gar 1.5 bar. Weniger ehr nicht. Das bringt schon viel.

Dosierter Einsatz der Differenzialsperren. Mittelsperre fast immer drin. Hintere und Vordere Sperre, wenn es nicht mehr weiter geht.

dsc07199Vor und zurück.

Wenn ein Fahrzeug nicht mehr ohne weiteres Weiter kommt, mit dem anderen Ziehen helfen. Dabei auf vernünftige Ankerpunkte am Auto achten – die Schicken Haken vorne bei mir sind ehr zum Niederzurren, als zum Wegzerren geeignet. Die hintere und die vordere Anhängerkuppelung leisten gute Dienste.

img_8955Wenn das zweite Fahrzeug auf schleimigen Untergrund keine Traktion hat: Umsetzen oder einen Kinetischen/Elastischen Bergegurt verwenden. Zum Umsetzen muss man oft verlängern. Keine Schäkel oder dergleichen dazwischen schalten, sondern verschiedene Bergegurte möglichst immer direkt durchschlaufen und direkt in die Kuppelungen am Fahrzeug einhängen. Vorher üben eine Anhängerkuppelung zu bedienen und was dabei haben, um sie einrasten zu lassen.

Kinetische Bergegurte für LKW-Lasten sind er selten. Mir fällt der Hashi-Ken und das Jumbo Bubba-Rope ein.

img_8951Eine Schaufel ist ein tolles Ding und wenn das Fahrzeug der Stecke nicht passt muss man halt die Strecke dem Fahrzeug anpassen. Wir haben Spurrillen umgeleitet, Löcher verfüllt dsc07268und glitschige Stämme mit einer Sand- & Kiespackung versehen.

In den ganz schwierigen Fällen musste der LKW erst angehoben werden, um darunter den Boden zu bereiten.

Und Bäume müssen halt weg. Sägen & Hacken war angesagt.

Was hatten wir dabei?

Eine Auswahl von Bergeguten (Hashi-Ken 20t10m/35t,  4m Rundschlinge/35t (kaum genutzt), 10m/56t (nicht genutzt). Zwei „grosse“ 20t Vetter Hebekissen und ein kleines 16 t (?) Vetter Hebekissen sowie eine selbst zusammengebastelte Füllarmatur. Jede Menge Bohlen und Kanthölzer. Eine ordentliche Schaufel mit „D-Griff“. Eine Machete und eine gute Klappsäge. Kabelbinder, WD40, Spüli, Kondome, eine Werkzeugkiste. Eine vernünftige Reifenfülganitur, Klettband um die festzustellen, dass man beim Füllen die Hände frei hat. TireMoni um vom Fahrersitz zu sehen, was man da gefüllt hat. 4 Tire Deflator, um aus 4 Reifen parallel die Luft zu lassen.

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Den Bord-Wagenheber (12t) und einen zweiten Wagenheber (3t) hatten wir dabei, aber nicht genutzt. Sandbleche hatten wir nicht dabei und haben die auch nicht vermisst. Die Hebekissen durften einmal Traktionshilfe spielen. Jeder hatte ein Reserverad auf Felge dabei und ich noch eine Karkasse – zum Glück nicht genutzt. Wathosen haben wir auch nicht benutzt.

Die Idee einer Kettensäge geistert immer wieder rum. Für dicke Bäume vielleicht ganz nett. Im Ural war es aber ehr Kleinholz. Ist mit ner Kettensäge doof. Einhandbedienung und Klettern geht auch kaum. Mit unserer Ausrüstung und ein bisschen Geduld kriegt man auch alles durch.

Mehr Ausrüstung zum Reifenwechsel – zB Ersatz O-Ringe – und eine bessere Füllarmatur für die Fetter Kissen wären toll gewesen. Eine zweite Schaufel für den Kameramann ;-)

 

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