Um Gazprom drumherumm nach Norden? Feststecken im Fluss.

Nachdem wir ausser Sichtweite der Gazprom-Schranke sind, überlegen wir uns nochmal genau, ob wir nach Yugorsk (Югорск) wollen.

Nö.

Eigentlich wollen wir nach Svetlyy (Светлый) und von da nach Khulimsunt (Хулимсунт). „Mein Navi wollte eh vor 10 km rechts abbiegen“. Ein bisschen Kartenstudium später zeigt sich: die gut ausgbaute Trasse ging etwa 30 Kilomenter zusammen mit der „offiziellen Strasse“, die knickte aber dann nach Osten ab, während die Trasse auf der wir unterwegs waren gradeaus weiter ging. „Ich hab da auch einen Waldweg abzweigen gesehen!“

Bingo! Das ist unser Weg an der Schranke vorbei.  Also 10 km zurück – auf der Piste ist inzwischen was mit Ketten lang gefahren, die Spuren rumpeln ein bisschen – links abgebogen und erstmal „Frühstückspause“. Wir waren ja für unsere Verhältnisse recht früh los gefahren.

DSC00294

Wir bewundern die Natur und die Müllmengen, ohne die in Russland scheinbar irgendwas fehlt. Unsere Strecke ist ein Sandiger Waldweg mit gelegentlichen grossen Pfützen. Das Aufregenste sind sicher die gelegentlichen, vielleicht 40 cm dicken Pipeline Rohre, die quer zur Trasse gehen, um Wasser von links nach rechts oder umgekehrt zu leiten. Da kommt man aber erstaunlich gut ‚rüber, auch wenn es dramatisch aussieht.

IMG_9989

Die Strecke vergnügt uns wieder mit Schildern wie „Vorsicht gefährliche Kurve“ und dergleichen.

DSC00296 (1)

Nach einiger Zeit hatten waren wir wieder mehr auf einem Knüppeldamm, als auf einer Piste unterwegs. Aber eine Stromleitung führte parallel und wir waren guten Mutes.

IMG_9959 IMG_9963

Immer mehr kamen wir allerdings zu dem Punkt, dass da nicht mehr Stämme im nassen Boden lagen, sondern dass da Stämme im Fluss schwammen …

DSC00298 DSC00354

 

Nur 8 Kilometer, nachdem wir von der Pipelinetrasse abgebogen sind, wird es schon sehr sportlich: sie Stämme versinken ganz im Wasser wenn man drüber fährt und ploppen lustig hoch, wenn die Räder drüber weg sind. Bei den Stämmen, von denen die Vorderräder runter sind, scheppert das nicht ganz so lustig. Je nachdem, verkanten sich die Strämme auch mal und springen zur Seite weg, wenn ein Rad früher runter kommt.

Aber vor allem schiebt man eine immer höhere Bugwelle aus Stämmen vor sich her. Wenn die dann man an ein Bisschen Untergrund hängen bleiben, muss der Wagen über einen Stapel Bäume klettern.

Der Bedenkenträger in mir denkt sich schon – wie sollen wir da rückwärts drüber kommen? Oder nach Starkregen?

Der Unimog kämpft sich irgendwie durch, bis mal wieder sowas wie fester Untergrund kommt, obwohl wir auch da schon Baumstämme sortieren müssen. Hatten wir ja schon auf dem Weg nach Khumilsunt gemacht. Wir behalten sogar trockene Füsse dabei.

Dann bin ich dran. Ob’s am mangelnden Entschlussmut des Fahrers, am schon aufgewühlten Boden oder am Schlechtwegefahrzeug lag … jedenfalls stecke ich kurzum fest.

Vorwärts geht nicht, weil ein Stamm vor den Vorderrädern liegt, den ich nicht hoch komme, weil ich hinten im weichen Sand im Wasser stehe, wo es kaum Traktion gibt (und ich ja nur die Mittelsperre habe).

DSC00300 (1)

Rückwärts geht es nicht, weil ein Stamm hinter dem Kühlerschutz klemmt, der am Stamm vor meinen Rädern klemmt, der an einem Stamm halb unter meinen Rädern klemmt. Obendrein klemmt ein Stamm schräg hinter meinen Rädern.

Also erstmal die Stämme weiter Vorne weggeräumt und den Stamm der schräg steckt abgesägt, so dass man mit dem Rad dran vorbei kommt.

DSC00310

DSC00305

Leider war alles vor dem Auto zu verkeilt, um den Stamm, der am dem Kühlerschutz fest hing, weg zu bekommen. Aber mit etwas Mühe konnte ich auf den ersten Stamm fahren und somit bedeutende Teile des Wagens aus dem Wasser heben und entlasten.

DSC00312

Weiter Vorwärts hätte mich aber direkt in die nächste Klemme gebracht. Und hinter dem Stamm, wo ich nun drauf stand hatten sich die Räder schon tiefe Löcher in den Sandboden gegraben. Luft ablassen war keine gute Idee, denn dann wären die empfindlichen Komponenten noch tiefer gekommen. Ich sah mich schon mit abgerissenem Kühler.

Nach einem untauglichen Versuch mit einem Hebekissen – unter Wasser sind die nicht gut zu positionieren – und mit Kanthölzern in dem Sandloch (kaum zu positionieren) kam die rettende Idee: Wir legten je ein Hebekissen in die Kuhle unter den Reifen, fuhren dann drauf, füllten die Kissen ganz.

DSC00302 DSC00320 DSC00321

Jetzt stand der MAN-Laster so, dass wir davor einen Teil der problematischen Baumstämme wegrämen. Dazu noch die Reifen auf 2 bar runter. Die Hebekissen ganz voll, damit ich berg ab zum Schwung holen fahren konnte.

DSC00325

Und dann ab zurück auf „festen Grund“. Die Hebekissen tauchten fröhlich auf, mein Blutdruck sank wieder auf ein erträgliches Mass. Uffff!

DSC00346DSC00327

Für mich war es damit emotional mit der geplanten Uralquerung vorbei. Zu viel an die Grenzen von Mensch und Maschine gegangen. Alle Einheimischen hatten uns gesagt, da käme man nicht lang. Wir hatten es trotzdem versucht. Aber von Autoversenkabenteuern hatte ich jetzt auch erstmal genug.

Ich reise ja gerne heim, wenn ich fühle, dass jetzt genug getourt ist, und dieser Punkt war jetzt erreicht. Günni war nicht allzu schwierig davon zu überzeugen, dass es jetzt genug sei.

Aber erstmal mussten wir sein Auto drehen. Auf den Stämmen ging das ganz sicher nicht. Also erstmal weiter nach vorne wandern.

DSC00329 (1) DSC00330 (1) DSC00331 (1) DSC00332 (1)

Irgendwo findet sich etwas, das tragfähig genug sein sollte und ein beherztes Wendemanöver erlaubt.

DSC00334 DSC00341

Nach passieren der Problemstelle mit relativ wenig Baumstamm sortieren vorwärts nehmen und wir stehen Schnauze an Schnauze.

DSC00345

Ich fahre einen Kilometer Rückwärts und traue mich dann auch zu wenden. Zwei Pausen um trockene Sachen anzuziehen.

Die 150 km Rückfahrt nach Yugorsk verlaufen relativ harmlos. Das aufregendste ist ein liegengebliebenen Bagger.

Siehe auch Track bei wikiloc.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Gefangen in Gazprom-Land – Daheim & Unterwegs - 2016-08-28

    […] Hilft alles nicht, wir fahren zurück durch den LKW-Friedhof nach Süden. Aber das sollte nicht das Ende sein. […]

  2. Westsibirien 2016 – die Route – Daheim & Unterwegs - 2016-09-02

    […] 120 km zurück nach Jugorsk da übernachtet (Tag 17). […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s