Brücken bauen nach Khulimsunt

Nach einer weiteren Nacht in Ivdel wollten wir endlich den Bogen nach Norden schlagen. Tanken bei LUK Oil mit allgemeiner Bargeldverwirrung. Auf wunderbarem Asphalt, auf dem einem 85 km/h fast zu wenig vor kam, ging es nach NOO Sovetskiy (Советский) – da endet die Strasse im Grunde und es geht nur noch mit einer Bahnlinie weiter.

An der Republikgrenze Svedlovsk/Khantia-Mansia wird die Strasse sofort bedeutend schlechter. Aber zunächst werden wir von einem “Posto die Blocko” rausgewunken. Nix passiert. GSL weisst mich darauf hin, das man hier zum Polizisten geht und nicht umgekehrt. Ich packe also Pass, Fahrzeugpapiere, Grüne Versicherungskarte etc. und ab zum Offiziellen. Ich hab inzwischen schon gelernt, dass man solche Treffen sehr verkürzen kann, wenn man direkt das russische Visum aufschlägt. Dann gibt es was in Kyrillisch zu lesen und die Staatsmacht muss nicht so tun, als würde sie meinen Pass lesen und verstehen können. Ob ich Russisch könne. Ich rede auf Deutsch auf ihn ein, “Camping Car”, “Turist”, “Kirow”, “Man PuPu Ner”, “Tourist”, “Camping Car”, “Ural” …

Er versucht noch ein paar Fragen auf russisch und drückt mir dann entnervt den Pass in die Hand. Ich soll mich trollen. Gerne doch. Bei GSL schaut er nur noch der form halber rein, als auch der den dummen Touri raushängen lässt.
Wir sind schon einige Kilometer weiter westlich von Sovetski in Yugorsk (Югорск) aufgelaufen. Erstmal Wasser fassen. Die erste Tanke gefällt uns nicht – eigentlich wollen wir was mit reingehen und kleinem Shop, nicht nur einen Bankschalter in der Wand.
Auf dem Weg vom Grundstück der Tankstelle fällt GSL eine blitzsaubere, brandneue Halle auf, in der Autos gekärchert werden. Erst sind die Jungs sauer, dass wir ihre einfahrt versperren, dann geben sie uns bereitwillig Wasser – auch wenn sie noch nit wissen, das wir 600 l bunkern werden. Der Gardena-Gummi-Adapter wirkt wieder Wunder. Ich soll doch näher ran fahren.

Dann entspannt sich ein Palaver: Der eine will 100 Rubel gegen Euro tauschen. Ich gebe ihm einen 5 Euro Schein dafür. Autos begutachten. Fotos auf dem Fahrersitz. Nach einer gewünschten Besichtigung herrscht betretene Stille: die Jungs haben vermutlich kein Klo mit Wasserspühlung und auch nicht zwingend fliessend Wasser zuhaus. Landkarten anschauen. Wohnort erklären. Über Bären im Wald reden (hier soll es viele geben). Kiefernzapfen anschauen und und und. Wir sind da auch in einer Zwickmühle: eigentlich wollen wir die Jungs nicht von der Arbeit abhalten, aber wenn der Kärcher an ist, kommt kein Wasser im Auto an …

Ich nutz die Wartezeit noch um nach meinem oberen Reserverad zu schauen – so eine Karkasse ohne Felge rüttelt echt alles los. Dann lassen wir 300 Rubel für das Wasser da und machen uns davon noch eine schöne Tanke zu suchen.
Jugorsk ist blitzblank mit vielen neuen, schicken Gebäuden. Später, als uns in der Pampa ständig Reisebusse entgegen kommen, vermuten wir dass Yugorsk eine Schlafstadt für Arbeiter in Wochenschicht auf den Öl- und Gasfeldern beziehungsweise deren Familien ist. Bestimmt gibt es da ein recht ausgeprägtes Nachtleben.
Wir interpretieren das Schild it dem schwarzen Kastenwagen im roten Kreis wie üblich als “Gewerblicher Güterverkehr verboten” und fahren auf der Suche nach einer schönen Tanke durchs Stadtzentrum. Ein seltsamer Bahnhof mit einem Denkmal von Dampflokomotive davor. Mit rotem Stern. Fototermin.


GSL meint die Polizei/Miliz/Sonstige Staatsmacht wäre so ungewöhnlich handzarm. Kaum fixe Kontrollposten, keine Radarkontrollen, keine Polizeiautoatrappen. Bei seiner letzten Reise durch die Ex-Sowjetunion hätte er bei einer Aktion wie dieser – LKW auf dem Bahnhofsparkplatz direkt einen Kontroletti an der Backe gehabt und täglich ein halbes duzend Ausweis- und Verkehrskontrollen an der Backe gehabt. Was ist hier los?
Durch Neubaugebiete mit 10stöckigen ganz manierlichen Wohnblöcken, an einem Kampfjet-Denkmal irgendwann eine Tanke gefunden. Die hatte zwar ein Häusschen aber da drin einen bankschalter und man musste am Automaten bezahlen. GSL hat voll gemacht, mir war das zu kompliziert.
Wir sind etwa bei 61.2N, 63.4O, dem östlichsten Punkt unserer Reise – nun gen Norden!
Am Kreisverkehr ist unsere Strasse durch eine Baustelle versperrt – das Schild heist recht deutlich “links vorbei fahren” Bleibt aber nur der Seitenstreifen zum Vorbeifahren. Irgendwie haben wir das nicht gemacht, wir gewünscht: ein Bauarbeiter kriegt beinahe einen Blutsturz und brüllt uns wild gestikulierend Verwünschungen nach.
Betonplatten. Dei sind in erstaunlich gutem Zustand, kaum eine gebrochen. Aber manchmal schaut die Armierung raus. Drei Betonplatten nebeneinander a ca. 2m Breite, das ist nicht viel bei Gegenverkehr. Irgendwann sind es nur noch zwei Platten nebeneinander. Da muss man auf jeden Fall mit einem Rad auf den Seitenstreifen, wenn Gegenverkehr kommt – ausser es kommen Sattenzugmaschinen: die trauen sich scheinbar nicht von den Platten und bestehen darauf, dass der Gegenverkehr komplett von der Betonpiste weicht.
Es kommen uns allerlei Reisebusse entgegen und die seit einiger Zeit immer üblicher werdenden Transporte, die man wohl unter “Oil Field Exploration” zusammen fassen kann.

Immer wenn ich mit den rechten Rädern auf die Piste zurück klettere frag ich mich, ob da nicht ein Armiereisen ungünstig aus der zerbröselten Kante raussteht – aber scheinbar sind die Kanten mit Bedacht weniger armiert.
Zwischendurch zieht schweres Wetter auf, aber ausser ein bisschen Wind und dickem Regen kommt nicht viel – ausser ein Temperatursturz von 28 auf 18 Grad.
Wir biegen nach Westen ab Richtung Agirish (Агприш) ab. Da ist die Strasse wieder drei Betonplatten breit. In Agirish endet die Eisenbahnlinie. Wir finden einen riesigen Holzverladebahnhof. Seit Serow scheint Holzwirtschaft die einzige Landwirtschaft zu sein. Selbst die Wartungshallen für die Maschinen sine riesig.
Dafür haben beide Tankstellen am Ort geschlossen. Die eine sieht dabei wenigstens romantisch aus.

Kaffeepause im Sturzregen. Wie weiter? Wir wollen nach Hulimsunt (Хулимсунт) etwa 120 km weiter NO. Da gibt es eine Gaaanz kleine Linie bei Google und Openstreetmap – und 10 Flussquerungen. Zwischen Holzstämmen im modderigen Sand suchen wir erstmal den Zustieg. Irgendwann haben wir die richtige Route, aber die ist schwer bis gar nicht befahrbar. Da brauchen wir eine Woche für die 130 km.


Es findet sich eine Umfahrung. Eine etwa 15 m breite auf Holzstämmen aufgeschüttete Sandpiste zieht sich durch die Taiga. Rüttelt und schüttelt zum Teil sehr und hat auch durchgeweichten Weichsand, aber OK. Rechts und links sind zum Teil riesige Entwässerungsgräben ausgehoben.


Es gibt sogar Schilder wie “Fahrbahnverengung”, “12 % Steigung” und “Vorsicht gefährliche Kurve”. Mit unseren vielleicht 25 km/h bemerken wir die Kurve kaum. Mit was für Tempo Brettern die hier durch?



Es regnet muter und die Piste wird schnell weicher. Irgendwann Ölfässer, ein fettes Dieselaggregat, was eine Baubude mit rotem CEE Stecker mit Strom versorgt. Drinnen Licht und Gesichter hinter dem Fenster. Keine Maschinen, keine Baustelle, kein Fahrzeug, kein gar nichts. Was machen die Hier? Die Gesichter in der Bude denken sicher das gleiche von uns, aber keiner der Beteiligten hat Bock bei dem Regen vor die Tür zu kommen. Also weiter!
Bei dem Tempo sollten wir morgen Nachmittag in Kulimsunt ankommen. Wir wollen bis zum Einbruch der Dunkelheit fahren oder sogar vielleicht in bisschen länger. Die Strecke ist breit und kurvenarm trassiert, es liegt Praktisch nichts im Weg, es schaukelt halt nur bei Bodenwellen und spritzt bei den riesigen Pfützen. Bei ein oder zwei stellen ist der Unterbau freigespühlt und wir müssen über Baumstämme hoppelm – nix was wir nicht schon in schlimmer kennen.

Dann eine Brücke aus Pipelinerohren, die von ihren Wiederlagern gespült wurde. Die sand decke ist zum Teil über einen halben Meter weg gewaschen. Zwischen den Rohsegmenten klafft eine Lücke.


Wenn wir da mit dem Rad reinrutschen sitzt der Laster auf und das gibt eine lästige Bergung. Immerhin sollte nichts kaputt gehen – ist ja nur Sand. Mit Einweisen kriegen wir das erste Fahrzeug erst über das Südende der Brücke und dann auch über das schwierigere Nordende der Brücke, aber es hat den Sand weiter weggedrückt als es rechts hinten ausgebrochen ist. Für den zweiten wird es noch ein bisschen haariger, aber geht dann.

Nicht viel weiter ist ein Pipeline Rohr, das ein Flüsschen aufnehmen soll. Der überdeckende Sand ist aber komplett weggespühlt. Wäre eine schöne Furt, wenn das Rohr nicht im Wege wäre.


Rechts und Links vom Rohr hat deswegen jemand etwa 50 Fichtenstämme hingeworfen. Als der Unimog ein Rad vor und eins hinter dem Pipelinerohr hat, beginnt er die Stämme nach vorne und hinten zu schaufeln. Irgendwann ist der Bach vom Unimog fast auf dem Rohr, und die Räder davor und dahinter in eine Kuhle in dem Stammhaufen. Die glatten, nassen Stämme bieten keine Grip. Dazu rutscht der Unimog beim Gas geben auch noch talswärts von der Konstruktion runter. Also Stämme umsortieren, Luft aus den Reifen (1.6 bar), Mit sand und steinen den Grip der Reifen auf den Stämmen und der Stämme untereinander erhöhen. Alles in der Abenddämmerung, bei etwa 200 % Luftfeuchtigkeit und umtanzt von Millionen von Mücken. Geregnet hat es glaub ich auch.
So vorbereitet klappt es schon besser. Noch mal Stämme sortieren und Sand und drüben sind wir. Derweil hab ich angefangen bei mir mit dem Druck runter zu gehen (2 bar). Wir sortieren noch mal Stämme. GSL schaufelt Fahrspuren aus Sand. Mittlere und Hecksperre rein (bin nicht sicher, ob die rein geht) und dann im 1 Gang (ohne Untersetzung, verklickt) einfach so drüber gefahren.
Inzwischen sieht man kaum noch was. Wir packen unser Werkzeug zusammen – die Waschschüssel hat zum Sandtransport tolle Dienste geleistet – und übernachten auf der nächsten Anhöhe.


Ich fühle mich als hätte ich keinen trockenen Fetzen am Leib. Man stink ich! Erstmal heisse Dusche. Stinkt immer noch. Bett neu bezogen – gestern nacht war es super heiss. Immer noch. Hmm. Die Socken auf der Leine. Die hatte ich einen Tag mit Persil in der “Offroad Waschmaschine” (Weithalstonne mit Wasser, die vom Gerüttel durchgeschüttelt wird) und einen Tag mit klar Wasser zum Spühlen in der Tonne. Das Ergebnis ist gräuslich. Die Dinger stinken schlimmer denn je. Ich überlege sie einfach raus in den Regen zu hängen, will aber wegen Mücken nicht die Tür öffnen. Also Handwäsche.

Dann rüber zu GSL – seit Auto ist unser offizieller Pub. Wald, Arbeit, Kerle (nicht mer stinkend immerhin). Da folgt deftiges Essen und Bier. Wobei die Vorspeise (Back-Camenbert) so mächtig war, dass der Nachtisch ausfallen musste.
Wir vertreiben uns die Zeit mit Mückenjagd- hier gibt es die fiesen Biester, die so klein sind, dass sie durch die Mückennetze passen. Wenn man sie erwischt kommt da aber erstaunlich viel Blut raus. Immerhin sind die kleinen Teufel viel langsamer als die Norm-Mücke.
Gegen 03:00 ging es für mich nach Hause. Hatte aufgehört zu regnen. “Schau mal, hier wird es gar nicht richtig dunkel” “Mag sein, aber was Du da siehst, ist das es hell wird!”

Am nächsten Tag ging es kaum weiter ….

Trackbacks/Pingbacks

  1. Um Gazprom drumherumm nach Norden? Feststecken im Fluss. – Daheim & Unterwegs - 2016-08-28

    […] kommt, obwohl wir auch da schon Baumstämme sortieren müssen. Hatten wir ja schon auf dem Weg nach Khumilsunt gemacht. Wir behalten sogar trockene Füsse […]

  2. Westsibirien 2016 – die Route – Daheim & Unterwegs - 2016-09-02

    […] Ab Agirish wurde es dann sehr rustikal. Nach 30 km haben wir auf offener Strecke übernachtet (Tag 15). […]

  3. Dies ist kein Weg nach Хулимсунт – Daheim & Unterwegs - 2016-09-18

    […] einem ereignisreichen Tag und einer feierlichen Nacht war es spät in’s Bett gegangen und wir wurden vom Klang von Regen eingeschläfert. Viel […]

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    […] Versuch nach Khulimsunt (Хулимсунт, Hulimsunt, Khulim-Sund) zu fahren ist ja gescheitert. Aber […]

  5. On-Road, Offroad und Fahrzeugbergung – Daheim & Unterwegs - 2016-09-28

    […] Etwa 500 km meiner Strassen bei der Anreise in den Ural waren sehr schlimm und knapp 400 km nach Jugorsk waren Betonplatten, die sehr auf das Material […]

  6. Zurück von Man PuPu Ner – Daheim & Unterwegs - 2016-11-20

    […] Nach Ivdel weiter nach Osten! […]

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