Perm-36 – das GULAG Museum

Nachdem wir so erfolgreich eingekauft hatten, stach mich dann doch der Hafer. Ruhetag schön und gut, aber zwei mal am gleichen Ort übernachten? Ich hatte Perm-36 im Kopf, das GULAG Museum – angeblich eine der letzten erhaltenen Strafkolonien.

Wo liegt das denn? Angeblich schwer hin zu kommen! Besser ne Tour von Perm aus buchen! Klingt wie ein Ziel für uns. Nach einigem Gesuche wissen wir: Das Lager liegt nur knapp drei Kilometer von unserer geplanten Route ab. Warum nicht heute noch hin? Verkürzt die morgige 700 km Etappe auf 500 km.

Also los. Konvioi fahren und zwischendurch eine Frittenbude. Gegen Mitternacht kommen wir an dem Arbeitslager an. Es ist an der Hauptstrasse ausgeschildert und eine frisch asphaltierte Strasse führt hin. Angekommen stehen wir vor einem Gefängniszaun aus Brettern und einem Stahltor. Hmmm. Davor übernachten?

Ach um die Ecke ist der Haupteingang. Alles großzügig angelegt und wir positionieren uns direkt vor der Tür.

Bischen gespenstisch ist es schon. Ein Quietschen, wie aus dem Geisterschloss. Eine Gestallt kommt aus dem dunklen Gebäude. Zigarette. Hat nix dagegen, wenn wir hier übernachten. Gut.

Morgens bloggen, chillen. Irgendwann kommt GSL vorbei, was denn mit Frühstück sei? Wie inzwischen üblich Frühstücken wir bei mir. Ich noch im Bademantel.

Im Internet hatten wir gelesen, das Museum sei dem GULAG-Gedenkverein abgenommen worden, die Öffnungszeiten seien unklar und irgendwelche Nationalisten würden da jetzt mit neuem Konzept “die Verdienste der Straflager für den Sieg im grossen Vaterländischen Krieg” darstellen wollen.

Die Öffnungszeiten waren angeschlagen und sehr OK, also mal rein und schauen. 600 Rubel pro Person – kein Schnapp. Ein Bulliger Sicherheitsmann begleitet uns durch die Sicherheitsschleuse und … hat eine Handy App, die uns deutschsprachige Erklärungen zu den verschiedenen Museumsteilen vorliesst. Generell waren da Experten der Museumspädagogik am Werk.

Das Lager war unter Stalin erst für die Opfer der Stalinistischen Säuberungen, später dann für Stalins Spießgesellen und dann für “politische Verbrecher”: zum teil heisst das Spionage etc, an anderen stellen straffällige Polizeibeamte etc. Das Lager war bis 1988 in Betrieb, mehrere Gebäude wurden kürzlich neu aufgebaut. Durch die lange Nutzung wurde natürlich viel überbaut und verfälscht.

Anfangs ging es vor allem um die Holzwirtschaft. Es wird erklärt, dass neben den Strafgefangenen auch sehr viele Landlose bzw. durch die Landreform enteignete in diesem Zweig gearbeitet haben. Die Holzwirtschaft sei kriegswichtig gewesen aber viele schwere Maschinen und qualifiziertes Personal seien abgezogen gewesen. Der Sieg gegen Deutschland 1945 sei auch auf dem Rücken der Waldarbeiter, die oft unschuldig unter sklavenähnlichen Umständen gearbeitet haben.

Klingt jetzt für mich nicht so schlimm geschichtsrevisionistisch.

img_9119 img_9063 img_9121 img_9125 img_9136 img_9135 img_9134 img_9133 img_9132 img_9129 img_9107

Eine Bilderausstellung von Uranbergwerken in Magadan gab es nebenan und in den Wohnbaracken Zeichnungen von Häftlingen, über Hunger und Not. Der Wohnteil des Lagers sah übrigens erstaunlich Idyllisch aus: es gab sogar eine Allee. Die sei ungewöhnlich und extra so angelegt, das man sie von aussen nicht sehn konnte. Die Zellen für verschärften Arrest sahen wie mittelalterliche Kerker aus.

Dann wurden uns noch die Besuchszellen gezeigt – eigentlich ganz Nett. Für Kurzbesuche (3h) und lange Besuche (bis zu 5 Tage) mit eigener Küche.

Sah alles nicht so schrecklich finster aus, war aber sicher auch ehr aus den 80ern, als aus stalinistischer Zeit.

Wir sind dann noch ca. 1 km weiter gegangen, wo wir schon von der Kasse telefonisch angekündigt worden waren. Das war wohl ein Lager, da komplett für verschärfen Arrest war und noch nicht als Museum umgebaut wurde.

Ivdel, wo wir einige Tage später waren, war zunächst auch das GULAG Ivdellag (Ивдельлага), der Zivile Ort ist erst später drumherum gewachsen. Mehr dazu bei der Etappe Ivdel Ushama.

 

Nach all den Besichtigungen habe ich noch den verbogenen Heckträger demontiert und die offene Steckverbindung von der hinteren Differenzialsperre mit einem Verhüterli (Condom) wasserdicht verschlossen, während GSL die Arbeiten im Liegestuhl beobachtet hat. Dann auf Richtung Ural!

Irgendwann die Grenze Europa/Asien. Fototermin. Wilde Hunde. Eltern anrufen. Schlechte Verbindung. Schmutzig. Doof. Weiter!


GSL findet mal wider einen Strand-Übernachtungsplatz!

Am nächsten Tag sollte es weiter gen Serow gehen. Track bei wikiloc.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Westsibirien 2016 – die Route – Daheim & Unterwegs - 2016-09-02

    […] Von da geht es am folgenden Tag 223 km an Perm (Пермь) vorbei bis  zum GULAG Museum Perm-36 in Kuchino (Kychino, Kyчино) etwa westlich von Tschussowoi (Chusovoy, Чусовой, Tag 9). Am nächsten Tag fahren wir nach Museumsbesuch 260 km gen Osten und übernachten an einem Flussufer. Etwa bei Tyoplaya Gora (Тёплая Гора́) stellt ein Pass im Ural die Grenze zwischen Europa und Asien da (Tag 10). […]

  2. Ruhetag – Daheim & Unterwegs - 2016-09-08

    […] Zu nachtschlafender Zeit erreichen wir Perm-36. Morgen mehr dazu. […]

  3. Serow – Daheim & Unterwegs - 2016-09-08

    […] unserem netten Strand-Standplatz sollte es gen Norden nach Ivdel (Ивдель) gehen. Das Gemeindegebiet (oder ist das ein […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s