Ruhetag

Nach der gestrigen Monster Tour war heute mal Ruhetag angesagt. Der Stellplatz stellte sich als erstaunlich gelungen dar und ich begann meinen verschlammten, ins Auto gestopften Kram auseinander zu sortieren.
Und waschen. Und zumindest die Einstiege am Auto entschlammen. Und in der Sonne sitzen.

img_9046Ich war von den körperlichen und Psychischen Anstrengungen der letzten beiden Tage doch gut durch. Zwischenzeitlich Chat mit meiner persönlichen Beratungsstelle für Nutzfahzeugfragen: Ja, 0.8 bar gehen höchstens in Sand, ansonsten sollte man bei 1.5 bar bleiben. 3-2 bar mit gut aufgezogenen Ketten ginge auch.

Es kam ein “Holder” (So ein Motor mit zwei Rädern drunter zum hinterhergehen – oft als Schneeschieber oder Rasenmäher eingesetzt) mit Anhänger vorbei. Auf dem Bock saß ein Mann mit Imkerhut und auf der Ladefläche zwei Babuschkas. Das erste mal, das ich in Russland direkt freundlich zurück gegrüsst werde.

img_9053Zwei Schneeketten (zusammen etwa 75 kg) hatten sich im verbogenen rechten Staukasten ungünstig umverteilt – sowas wieder in Position fixieren.

Meine Klappstühle sind wohl in Breda geblieben, zum Glück ist der Liegestuhl mit.

In dem Staukasten, in dem der Kohlsack aufgegangen ist, etwas die Kohle reduziert – nicht mit viel Erfolg.

Zwischendurch kam ein hagerer Russe vorbei, der aus seinem Jausenbeutel regelmässig irgendetwas hochprozentiges zog und sich einen Schluck genehmigte. Er sass da zwischen unseren Autos, fragte ob er sich das Hemd ausziehen dürfe und versuchte immer mal wieder eine Unterhaltung.

img_9050Er konnte ein paar deutsche Phrasen, ich bin mir aber nicht sicher, ob er jeweils wusste, was sie bedeuten. “Wir mit Gott” stiess er eine Zeit lang immer wieder aus. Dann zeigte er seinen Pass – ich glaub, weil er meinte, dass er auf dem Foto von 1996 noch sehr schneidig aussähe. Er studierte meinen Pass mit Hingabe – vor allem das russische Visum, wo ja mien Name mal in Kyrillischer Transliteration stand. Betonte auch immer, er sei “non Policia”. Und das das ein “camping car” sei konnte er kaum glauben. So weit so gut.

So weit, so gut. Kaffe hatte er abgelehnt und ich seinen Fusel. Er telefonisrte zwischendurch mit irgendwem mit einem klassischen Nokia Knochen oder so. Das war nicht mehr ganz so gemütlich – er soll doch bitte nicht seine Freunde einbestellen. Ich hatte mich inzwischen zum Spühlen ins Auto verdrückt und jetzt wollte er auch mal schauen. Hmm. Nachher kriegt man die Leute nicht mehr aus der Bude. Tür zum Schlafzimmer/Bad zu. Tasche so aufs Sofa, das man sich da kaum hinsetzen konnte. Ich blieb ziemlich im Weg stehen. Er zog brav und freiwillig die Schuhe aus.

Aber er räumte einfach die Tasche weg und wollte wohl jetzt den früher angebotenen Kaffee. Nee! Schwierig: was sind hier die sozialen Signale? Was die Gastgeberpflichten? Ich komplementierte ihn jedenfalls wieder raus.

img_9051Er war die ganze letzte halbe Stunde schon immer zutraulicher geworden. Hand auf die Schulter und so weiter. Irgendwas zeigte er uns immer, was hinter dem Hügel sein sollte? Das eigentliche Ziel seiner Wanderung? Prostituierte? Seine Mutter? Unklar.

“Gott mit uns” sagte er immer wieder. Und er regte sich immer auf wenn ich “o.k.” sagte (was ich erschreckend oft sage, wie ich merkte). “ok” sei “amikaninski” und “schlecht. “gut” sei “gut” (karoshi). Als ich das Versprechen, immer nur “gut” zu sagen dann 5 mal reflexhaft mit “o.k.” bestätigt hatte, wurde er recht sauer und gab mir einen klaps auf den Hut.

Nun besteht die Kommunikation mit Fremden auch viel aus dem ziehen und verteidigen von Grenzen und körperliche Angriffe – auch Scherzhafte – sind eine Grenze, die man ganz sicher ziehen sollte. Ich bin dann ärgerlich vor mich hin murmelnd ums Auto gegangen und habe eingepackt, so das wir im Zweifel zu jeder Zeit los können.

Er trollte sich dann nach grosser Verabschiedung von Günter und leicht unterkühlter durch mich. Ganz sicher eine Begegnung der dritten Art.

img_9040Zwischendurch kam der Imker auf seinem Holder zurück und auch noch noch 1-2 andere Holder samt Anhänger.

Mein erstes Einkaufen in Russland

Irgendwann haben wir dann doch unseren Hintern aus all der Genüsslichkeit hoch bekommen (mückenfrei war der Platz auch) und sind zum Einkaufen ins Städchen gefahren. So ein “Magazin” hat üblicherweise 7 Tage die Woche von 9 bis 23 Uhr auf.

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Das Einkaufen in Russland geht anders, als bei uns: Es gibt hier und da schon auch echte Super- und Hypermärkte aber scheinbar erfolgt doch hauptsächlich die Versorgung im “Magazin” – das schon sehr dem Tante Emma Laden ähnelt. Man img_9059nimmt sich das meiste nicht selber, sondern es gibt eine Theke und dahinter vollgestopfte Regale, Kisten mit Keksen und so weiter. Man sagt (oder zeigt in unserem Fall) was man haben möchte und dann stapelt die Verkäuferin das auf der Theke.

Alles mit recht viel Palaver verbunden, Günther ist da in seinem Element. Ich fand interessante Getränke aber keine schöne Nudelsoße und keine Kartoffeln (!) – aber vielleicht hab ich auch nur nicht gut geschaut.

Die Werbung aussen hab ich auch nicht so ganz verstanden. Ist die von 1951?

 

Auf dem Weg zum Magazin war noch ein Malheur passiert – ich war Fahrradhalter beim Ausparken von unserem Nachtplatz gegen einen Strommasten gekommen – und beim Einparken hatten wir noch gesagt …

Das Ding war jedenfalls eingedellt und ein Haltewinkel gebrochen. Notdürftig fixiert.

Jetzt waren wir aber doch voller Tatendrang. Eigentlich war der Plan eine zweite Nacht am alten Platz zu verbringen. Wo liegt eigentlich Perm-36, das Gulag-Museum? Hmm. 200 km und genau in die richtige Richtung. Im Internet steht teilweise, das hätte zu, teilweise “Neueröffnung mit neuer Konzeption”, teilweise “schwer zu erreichen”. Das ist doch was für uns. Also doch noch eine Fahretappe. Durch eine Strassenbaustelle und eine von mir nicht so raffiniert gewählte Ortsdurchfahrt wird das eine recht lange Etappe, um Mitternacht sind wir da. Zwischendurch noch Halt an einer Imbissbude. Sowas wie ein Chicken-Wrap.

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Wir beglücken den Laden mit einem Gästebuch-Eintrag.

Zu nachtschlafender Zeit erreichen wir Perm-36. Morgen mehr dazu.

 

4 comments on “Ruhetag

  1. Nyleve
    2016-09-15 at 06:50 #

    👍

Trackbacks/Pingbacks

  1. Westsibirien 2016 – die Route – Daheim & Unterwegs - 2016-09-02

    […] in Kuchino (Kychino, Kyчино) etwa westlich von Tschussowoi (Chusovoy, Чусовой, Tag 9). Am nächsten Tag fahren wir nach Museumsbesuch 260 km gen Osten und übernachten an einem […]

  2. Die Reise zum Ruhetag – Daheim & Unterwegs - 2016-09-08

    […] An nächsten Tag: Ruhetag. […]

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    […] wir so erfolgreich eingekauft hatten, stach mich dann doch der Hafer. Ruhetag schön und gut, aber zwei mal n gleichen Ort übernachten? Ich hatte Perm-36 im Kopf, das GULAG […]

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