Starkregen & dicker Dreck

Wir stehen immer noch in der Mocke, in der wir gestern angehalten haben.

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Ich bin natürlich wieder erster wach und peile die Lage. Letztendlich stehen wir mit unseren ein dutzend Tonnen schweren Wohnmobilen in einer Seenlandschaft. Der Regen hat „Boden mit viel Wasser“ in „Wasser mit gelegentlich Boden“ verwandelt.

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qv7snapz015Auf der russischen Topografischen Karte ist dies noch eine „Strasse mit doppellinie“. Ab der T-Kreuzung, die in etwa zwei Kilometern kommen sollte, geht es als einfacher schwarzer Strich bis Kuva (Кува) weiter.

Wir kamen gestern schon hier nicht weiter. Und heute ist alles total durchweicht. Ich mit kaputten Differentialsperren stehe vorne und an einen Positionswechsel ist nicht zu denken. Also zurück.

Idsc09671ch senke den Luftdruck erstmal auf 1 bar, denn ich muss ja jetzt nur mit Mittelsperre da lang, wo es auf dem Hinweg trocken(er) war und ich drei Sperren hatte. Ich hab im Kopf, das man bei 14.00er Reifen bis runter auf 0.5 bar kann. „In Extremsituationen.“ Das hier ist eine.

Ich peile die Lage und habe einen Plan, wie ich meinen 8 m LKW trotz Spurrillen und schlechter Traktion wenden kann. Na dann los! Aebr ich will Günther nicht mit einem aufheulendem Motor wecken. An sein Fenster „Ich wende mal eben!“

Das war wohl nicht der richtige Weckruf. 1 Minute steht ein elektrisierter Günther neben mir. Ich glaub er sah mich schon auf der Seite im Wald liegen. Ich wollte doch nur wenden und dann frühstücken!

Ich wende nach kurzer Diskussion den MAN in drei Zügen ohne Drama. Bis wir einen guten Wendeplatz für den Unimog finden, geht es ein paar duzend Meter zurück. Wir machen uns auf den Weg nach Biserovo (Бисерово) zurück zur Hauptstrasse.

Der Reifendruckmonitor zeigt, dass ich statt der Geplanten 1 bar nur 0.8 bar in den Reifen habe. Lenkbewegungen erfolgen sehr verzögert, aber der Laster fährt wie auf Ketten und ist durch nichts zu stoppen. Vorher gab es noch Warnungen, die Flanken wären mit so wenig Druck sehr empfindlich, aber hier gab es ja keine Steine oder so! Nur Matsch und gelegentlich mal ein paar Holzknüppel.

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Und dann passierte das Unglück: ein in irgendeiner Pfütze liegender Baumstamm drückte den rechten Vorder- und Hinterreifen von der Felge. Pfft, alle Luft raus. Der LKW kippt nach rechts und zieht in die selbe Richtung unaufhaltsam von der Piste. Ich komme zum stehen und sehe mir den schaden an.

Ich bin sprachlos. Direkt zwei Reifen! Ein Reserverad habe ich auf Felge dabei, das könnte man anschrauben. Das wäre schon nicht lustig, denn das Reserverad wiegt üebr 200 kg. Aber das andere Rad! Da reicht nicht einfaches tauschen, da ich nur eine Karkasse dabei habe. Da müsste die alte von der Felge und dann die neue aufgezogen werden. Das ist mit meinen Sprengringfelgen nicht unmöglich, aber schaffen wir das?

Das Holzfällercamp mit schwerem Gerät ist vielleicht 30 km weg. Wie erklärt man denen auf Russisch, das man einen Reifendienst braucht? Günther hat mich inzwischen vermisst und ist zurück gekommen. Was genau zu tun ist, ist uns unklar. Aber klar ist, dass der Laster aufgebockt werden muss, damit die Reifen sich frei bewegen können.

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Die Vetter Hebekissen kommen zum Einsatz – das scheint und besser, als mit dem Wagenheber auf dem feuchten Grund zu experimentieren. Aber nach einer Stunde rumprobieren ist klar: Da wo der MAN grad steht, kriegen wir dir rechten Räder nicht hoch: der ganze LKW ist zu stark gekippt und der Untergrund rechts zu weich.

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Also entschliessen wir uns, den MAN mit dem Unimog und ganz kurzem Seil links zurück auf die Piste zu ziehen.

Dort kriegen wir den Laster dann auch aufgebockt, auch wenn wir ganz schön mit den vor der Abreise hektisch zusammengebastelten Füllarmaturen zirkeln mussten.  Und nun?

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Die Reifen sehen gar nicht so schlecht aus. Aber wie kriegt man die riesigen Schlauchlos-Reifen wieder auf die Felge. Aufsprengen ist Kult. Ich will das probieren, alle anderen halten das für Unsinn. Nach einigem Suchen finden wir nix mit Treibmittel ausser Anti-Mückenspray. Das hilft nicht bei Mücken, vielleicht hilft es wenigstens bei Reifen. „Leicht entflammbar“ steht drauf. Test mit Sprühnebel auf Feurzeug: Wir kriegen das Feuerzeug ausgeblieben, aber keine Stichflamme hin. Hmmgmpf.

Günther ist souveräner mit Sprengringfelgen. 12 bar Druckluft haben wir ja genug. „Hinten an der Felge scheint der doch noch dicht zu sein.“ Wir drücken die Karkasse an das hintere Felgenhorn und schieben den Dichtring nach, dann Druck drauf und am Reifen ruckeln und Dichtring immer wieder nachschieben. „Er kommt!“ Wir können schneller Luft in den Reifen geben, als sie durch kleine Undichtigkeiten entweicht. Hurra! So muss es gehen.

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Jetzt muss die ganze Lehm-Mocke noch weg, damit der Reifen noch ein wenig länger hält.

Wasser ist seit gestern knapp – ich kann schon nichtmehr meine Spühltoilette benutzen. Grund ist, dass ich mit nur 40 Prozent Frischwasser-Tankfülleung losgefahren bin – wegen eines hängenden Sensors. Dann nehmen wir eben „Grauwasser“ – also „altes“ Duschwasser – und putzen ein Stündchen.

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Als ein Reifen wieder fahrbereit ist, geht es mir schon deutlich besser. Schliesslich haben wir ja noch einen Ersatzreifen. Aber wir bekommen tatsächlich beide Reifen wieder nutzbar. Mir fällt ein Geröllhaufen vom Herzen.

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Mücken? Klar! Regen zwischendurch auch. Aber wir können uns ja nicht um alles kümmern. Mein Werkzeug kann auch rosten, ohne dass ich dass persönlich überwache.

Wir fahren zügig zurück. Erstaunlich, wie schnell wir voran kommen, wo wir gestern einen ganzen tag gebraucht haben. Klar: wir müssen keine Bäume mehr beseitigen, aber allein daran kann es nicht liegen.

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Ein spätes Frühstück gibt es an unserem Übernachtungsplatz im verlassenen Dorf Petryata von vor zwei Tagen. Das ganze kann man auch bei guentersleben.de nachlesen.

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Der Rest des Tages kann danach ja nur noch langweilig werden: Anreise zu einem Ruhetag.

 

Im Nachhinein bereuen wir das „zurück“ durchaus: es wäre wohl nach ein paar Metern besser geworden.

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