11: Kaliningrad Oblast

Die erste Nacht in Russland war etwas anstrengend und sollte auch die letzte bleiben. Ich hatte ein bisschen genug von meinem Russlandabenteuer. Aufwachen deutlich vor 6:00 h. Mein Entschluss: Vor dem Berufsverkehr um Kaliningrad rum und dann nichts wie weg in die EU (Polen). Frühstück dann wieder auf Heimatboden (EU).
Kulturschock eben. Hatte auch ganz schön Sehnsucht nach meiner vor zwei Tagen abgeflogenen Reisebegleitung. Keinen der einem helfen konnte die Erlebnisse zu verarbeiten.
Also: Motor an und ins Morgen grauen rollen. Die tanzenden Bäume müssen ohne mich auskommen. Ich rolle die Kurische Nehrung leicht betäubt hinunter. Ich kenne Süd-Ost-Asien. Ganz viel China. Nord-Südamerika. Rumänien. Ich war in der Vor- und Nachwende DDR. Poskommunismus kenn ich. Aber Russland fühlt sich anders an.
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Am Fusse der Nehrung kurve ich ein bisschen durch Selenogradsk/Cranz. Eigentlich möchte ich in eine Bäckerei oder IMG_0265einen Lebensmittel Laden. Finde aber nichts. Die Stadt hat zum Teil recht LKW unfreundliche Strassen und Bäume. Jetzt ein Blechschaden! Das wär was. Um Kaliningrad soll es an der Ostseite einen City-Ring geben. Die Abenteuerlust quer durch die Stadt zu fahren ist mir vergangen.
IMG_0266Der City-Ring ist eine einzige riesige, wilde Baustelle. Über gigantische Schotterrrampen, Sandpisten und durch Hinterhöfe geht es. In einer riesigen Blechlawine Stosstange an Stosstange. Obwohl ich vor Tag und Stau los bin, hänge ich mitten im Berufsverkehr. Fühlt sich wie China an, bloss mehr Strassenbau, weniger Wohn- & Industrie Bau, mehr Müll und kein Grün – an ihren Strassenbauprojekten pflanzen die Chinesen pro Kilometer tausende Büsche und Bäume – hier nix.
IMG_0270Im Stau legt sich der Kulturschock langsam. Stop & Go, das wirkt vertraut. Ich werde im Norden Kaliningrad in ein IMG_0268Industriegebiet umgeleitet. Da wird eine LKW-Waschstrasse beworben. Hmmmm. Nee. Soweit ist die Abenteuerlust noch nicht. Aber doch noch and frische Haff; nicht sofort nach Polen flüchten. Das frische Haff ist wie die Kurische Nehrung aber südlich von Kaliningrad und dass es da keinen Grenzübergang nach Polen gibt – Sackgasse von beiden Seiten aus. Über abenteuerliche Strecken hinter Plattenbauten, Schrebergärten und Fabriken und durch Schilfwälder komme ich ans Wasser. Schön.
Grade in den Wohn und Industriegebieten ist die Strasse so schlecht, dass mir mehrfach der halbe Inhalt des Führerhauses quer daher fliegt. Das Beifahrerfußraum ist am Ende mit Snacks, CDs, Landkarten und Sonnenbrille 20 cm hoch geflutet. Naja, besser, als wenn es der Fahrer Fussraum wäre.
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Der ganze Kaliningrader Oblast ist total vermüllt. Ich steige am Strand aus dem Auto und trete zuerst auf ein kaputtes Autoradio. Der nächste Fuß landet auf einem benutzten Kondom.
IMG_0286Ich werde die nächsten Wochen Probleme haben, zu beschreiben, was mich an Russland so irritiert hat. IRgendwan finde ich das Wort: Das Land erscheint mir trostlos und lieblos. Niemand scheint sich darum zu kümmern, das es ein bisschen nett ist, wo man haust. Litauen merkte man, das die Einwohner es gerne schön haben. Ein paar Blumen können so viel ausrichten. Un Russland schien es mir, als hätte keiner Hoffnung, auf ein schönere Leben, einen besseren Ort. Müllhaufen direkt vor der Tür sind für mich Symptom dafür. Man merkt, so richtig kann ich das immer noch nicht in Worte fassen …
Aber erstmal Sonne. Frühstück. Lesen. Schreiben. Aufs Wasser schauen. Schon auch schön hier.
Aber hier übernachten ist mir doch irgendwie zu gruselig. Die Leute der letzten Paar Häuser haben mich haben mich alle sehr schief angeschaut. Also heute noch nach Polen. An der Grenze ist 1 km Sperrgebiet, wer da erwischt wird, muss angeblich mit einem lebenslangen Einreiseverbot rechnen. Also Weiterfahrt nach Polen gut planen und die erlaubten Korridore nutzen.
Als ich aus den Schilfwäldern rolle komme ich an einem alten Passat Kombi vorbei, auf dem in Flammenschrift „1941-1944“ steht. Öhm. Ab zur Grenze.
IMG_0292Ausreise aus Russland geht recht schnell – schliesslich hab ich den wichtigen Zettel von der Einreise nicht verloren. Einreise nach Polen geht nicht schnell. 500 m Rückwärts von der PKW in die LKW Schlange. Nächstes Mal behaupte ich, das könnte ich einfach nicht (Rückwärts fahren).
15 Minuten Warten. Durchsuchung. Chipkarte mit elektronischem Laufzettel. Damit zum Röntgen – vorher, währenddessen und nachher jeweils 15 Minuten warten, dann mit der Chipkarte in ein Büro, da charmant empfangen („Welcome to Poland – how can I help you“) und nach weiteren 15 Sekunden abgefertigt.
Dann ins Maut Büro. Erste mal, das die Dame ein Deutsches 11.99t Wohnmobil abfertigt. Insbesondere wenn 12.01t als technisch mögliches GG im Schein steht.
Ich muss gefühlt 20 Unterschriften auf 30 Seiten leisten, bis ich meine Maut-Box kriege.
Dann noch einen Geldautomaten gesucht – Polen macht ja beim Euro nicht mit.
Nach 5 km ist auch schon Schluss mit Autobahn, ab da Landstraße bis zum Oberlandkanal, wo Schiffe in Kübeln auf Schienen transportiert wurden. Da in der Dämmerung das Schiffshebewerk begucken und dann Nachtruhe.
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 Morgen gehts quer durch Polen.

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  1. Baltikum Herbst 2015 – Litauen, Lettland, Kaliningrad & Polen – Daheim & Unterwegs - 2016-06-26

    […] Eigentlich war das bisschen Russland, das ich gesehen habe unproblematisch, ich aber unter Kulturschock. Ich fahr nochmal hin mit mehr Zeit zum akklimatisieren. Details bei Tag 10 & 11. […]

  2. 10: Auf der Kurischen Nehrung, russischer Kulturschock – Daheim & Unterwegs - 2016-06-26

    […] Hilft ja alles nichts: Augen zu und in den Schlaf! Und am nächsten Morgen weitersehen. […]

  3. 12: Polen – Daheim & Unterwegs - 2016-11-20

    […] Kanal, wo ich gestern gehalten habe ist ein Kuriosum:Um nicht zu viele Schleusen zu brauchen, werden die Schiffe aus dem Wasser gehoben […]

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