10: Auf der Kurischen Nehrung, russischer Kulturschock

Nach dem Sonnenuntergang am Abend im Dunkeln vorm Morgengrauen Spaziergang auf die andere Seite der Nehrung  nach Preila um den Sonnenaufgang zu sehen. Duschwasser schon mal an, damit es nach Rückkehr eine warme Dusche gibt. Auf halbem Weg bemerkt, dass ich ja auch das Fahrrad hätte nehmen können. Aber jetzt zurück und mit dem Fahrrad wieder …. ? Neee.  Anscheinend ist das Ding da hinten auf dem Heckträger aus den Augen aus dem Sinn.

Ich hab’s ein bisschen eilig, will schliesslich vor Sonnenaufgang am Ufer ankommen. Preila heißt der kleine Ort an der Ostküste. Vielleicht findet sich da ja sogar ein Bäcker?  Irgendwann bin ich da. Nix mit Bäcker, ehr Ferienhäuser über Ferienhäuser. Auf dem Pier ist es echt kalt und zugig. Vielleicht übertreib ich das mit dem Sonne am Horizont gucken?

Zurück tatsächlich einen wachen Menschen gesehen. Diesmal über Sandwege und nicht an der Strasse lang. Raureif. Lange Schatten. Schön und kalt.

IMG_0200Irgendwann zurück beim Camper. Da plätschert es ja schon wieder! Dabei hatte ich den Filter doch so gut mit Kabelbindern gesichert. Nach längerem Nachdenken und ohne Duschen habe ich eine Theorie: Ich habe einen 230V Boiler eingebaut mit recht viel Wumps. Als Vorgängermodelle des Herstellers arbeiteten mit einem 24V Modell. Dokumentation des immer aufspringenden Filters: Der kann bis 4 bar. Dokumention des Boilers: Der hat ein Überdruckvntil, das bei 7 bar anspringt. Während der Boiler aufheizt (ca 90 min) dehnt sich das Wasser im Warm- und (durch Rückstau) im Kaltwassersystem aus. Der Standdruck vor dem Heizen ist sehr unterschiedlich, je nach dem wie das Überströmventil und der Druckmesser in der Shure-Flow Frischwasserpumpe  zusammen spielen. Wenn man während des Aufheizens Wasser entnimmt ist auch alles gut, weil der Druck wieder runter kommt. Also: Wenn der Druck nach der letzten Wasserentnahme besonders hoch war, man dann Warmwasser aufheizen lässt ohne Wasser zu entnehmen, dann springt nach einiger Zeit der Filter auf.

IMG_0210Problem erkannt Problem gebannt. Laune oben. Ich mache einen Plan: Auto trockenen, Tanks auffüllen, kontrollierten Versuch zur Verifikation machen. Also erst mal so parken, dass das Wasser rausläuft. Die Weissware-Camper auf dem Parkplatz müssen mich für total bekloppt halten. Dann auf nach Nidden / Nida. Da gibt es einen Campingplatz. Der hat zu. Ich rufe die auf dem Schild angegebenen Nummer an. Der Besitzer ist grad im Gottesdienst (!), ich soll mich bei Wasser und Strom bedienen, das würde 10 Euro kosten. Also alles Verkabelt und dann auf dem Fahrrad ins Städchen.

IMG_0212

Oh. Die Bremsklötze des Fahrrads haben eine Konsistenz wie Lego-Steine. Dabei hab ich das 2002 oder so noch mal durchgecheckt – nachdem ich 1998 als verlassenes Altfahrrad im Keller meiner Studentenbude aufgetaucht war.

IMG_0226Wie am Vortag war ich etwas verwundert, von all der touristischen Aktivität. IMG_0221Die entspannten Twens im Stadpark konnten mir auch keine Essens-Tips geben, sie sein auch nur Touristen. Jede Menge Tour-Busse. Im Restaurant habe ich nur so eben einen Tisch bekommen. Mein erster Restaurant Besuch im Ostblock (in diesem Jahrtausend jedenfalls). Sowjetische Servicementalität & Einrichtungskunst gepaart mit gutem Essen.

IMG_0238Aus zwei heilen eine kaputte Jacke gezaubert – durch Reisverschlussverwirrung. Zurück zum Auto. Wassertanks sind voll.  Druck aus dem System nehmen. Druck notieren, Boiler an. Radtour zu den berühmten Dünen. Durch Sand stapfen. Sahara Selfie.

Der Berg von der Düne runter bringt die Gammel-Bremsen des Fahrrads an das Limit. Mit Füßen auf dem Boden kann ich so eben die Geschwindigkeit halten. Wenn das meine Mama sehen würde!

Zurück am Auto. Meine These stimmt: durch das aufheizen im Warmwassersystem ist der Druck im Kaltwassersystem erheblich gestiegen. Bugfix für den Rest der Reise: Wenn Boiler an, dann Frischwasserpumpe aus und Wasserhahn auf. Hat geholfen, nach Rückkehr kam ein Ausgleichsgefäss und anderes Überdruckventil dran und gut ist.

 

IMG_0243Voll Energie von dieser Ingenieurs-Forensik wollte ich dann doch jetzt auch über die Grenze nach Russland. Eingepackt. Mit dem Campingplatz-Besitzer telefoniert: der war inzwischen Fischen. Geld in den Briefkasten gesteckt. Beim Losfahren einen massiven roten Stahl-Aschenbescher überrollt. Mehr Geld in den Briefkasten gesteckt (10€ für Strom und Wasser + 20€ für den überrollten Aschenbecher). Ab zur Grenze.

IMG_0244Die Ausreise aus Littauen war kaum der Rede Wert. Die einreise in Russland schon ehr. Erstmal Kontrolle, um überhaupt auf das Zollgelände zu kommen. Da stehen vielleicht 5 Autos. Intensive Inspektion. Beeindruckend: Der Zöllner hat scheinbar ein sehr gutes Räumliches Denken und genau im kopf, was er von dem Volumen des Wohnkoffers noch nicht gesehen hat. Als er auch die Grauwasser und Schwarzwasser  Tanks inspiziert hat, ist er zufrieden. Bloss die beiden hinteren Kleiderklappen hat er nicht angeschaut – dafür hätte er auf’s Bett gemusst.

In der Mitte der Besichtigung wird mir heiss und kalt. Da war vor allem noch Damen-Wäsche drin, die nicht mit ins Flugzeug passte. Was wäre im homophoben Russland passiert, wenn ihm erstmal ein Slip entgegen gefallen wäre? Bestenfalls hätte er eine blinde Passagierin gesucht.

Dann Bürokratie. Der Reich mit Abzeichen behängte Grenzkommandant nimmt sich meiner an. Spricht aber kein Wort Englisch.  Es gibt aber ein Formular auf Deutsch. Nur verstehe ich nicht die Fragen. „Fahrzeug Nummer“ „Nummer des Fahrzeugs“ und „Fahrzeug-Hersteller-Nummer“??? Ausserdem steht da umfangreich, dass ich alle Barschaften angeben muss. Nagut. Das ganze bitte in zweifacher Ausfertigung. Vollmacht des Halters interessiert nicht, Versicherung interessiert nicht. Fahrrad interessiert nicht. Lebensmittel und Devisen (ja, unter 10.000€ :-) interessieren nicht, obwohl entsprechende Schilder das anders sehen.

Druckfrage geklärt

Druckfrage geklärt

Als ich dem Obersten meine Zettel in die Hand drücke verschwindet er damit. Kommt aber kopfschütteld wieder. Da hängt doch ein Musterbogen. „Modellnummer“ „Kennzeichen“ „Fahrgestellnumemr“ Achso. Meine Angaben zu Barmitteln hat er durchgestrichen. Das soll leer lassen. Aber da stand doch „bei Strafe verboten“ …. Fünfsprachig. Nagut. Nochmal in zweifacher Ausfertigung.

Meine Zettel landen in einem Kabuff. Ab und zu geht eine Fensterklappe auf und die Dame dahinter will was. Auf Englisch! Redet mich immer mit meinem Vornamen an und versucht freundlich zu sein. Glaub ich. In Kommando Ton. Ich soll auf irgend einen Schmier-Zettel meine Adresse schreiben. Diese und jene Auskunft. Dann krieg ich ein Papier in die Hand, ich glaub die Zollerklärung fürs Fahrzeug. „Tis iss importantt wenn leving Ruscha! Tu not luse it!“ Ayay! Irgendwann ist alles ausgefüllt, abgestempelt und abgeglichen. „Wrellkom to Ruscha!“ Noch vor einem anderen verschlossenen Fenster aufs Pass abstempeln warten, dann wird mir bedeutet, ich könne fahren.

Aus zwei mach eins!

Aus zwei mach eins!

100 m weiter die nächste Kontrolle. Die Dame ist gut gelaunt und redet ununterbrochen auf russisch auf mich ein. Dazu klettert sie beinahe durch mein Fenster – bei einem MAN „hohe Bauart“ eine sportliche Meisterleistung. Wir lachen beide viel. Irgendwas scheint in meinem Pass zu fehlen. Irgendwann stellt sich raus: den gesuchten Stempel haben die kompetenten Kollegen so über mein Visum gestempelt, dass man ihn kaum sieht. Ich werde unter einem Lachen entlassen. Etwa 1 h für die Grenzabfertigung.

Mir ist mulmig. Ich hätte zumindest „guten Tag“ und „Danke“ auf Russisch lernen sollen. In 5 km Umkreis von der grenze ist Sperrgebiet, da darf man nicht anhalten. Ich starre auf den Kilometerzähler. Wann war nochmal der Schlagbaum? Entspannt reisen ist anders.

Nach dem ich klar gemacht habe, das ich der Landessprache nicht mächtig bin wird mir erzählt ich sollte 2000 Rubel“eco Tax“ zahlen. 2000 Rubel! Einfach so! Da geht doch direkt hinter der Grenze schon die Abzocke los! Ich habe keine 2000 Rubel!

Wie viel sind eigentlich 4000 Rubel? Hätte mich vielleicht vorher mal über den Wechselkurs informieren sollen. Sonst bin ich immer ein bisschen over-prepared, diesmal hab ich scheinbar das andere Extrem  gewählt.

Kein problem, ich kann auch mit Kreditkarte zahlen. Da muss ich zum Bürocontainer, 10 m weiter im Wald. Das sieht ja alles nicht mehr ganz so windig aus: Nicht mehr ein Typ, der auf der Strasse steht und Geld verlangt, sondern was offizielles. Mit Büro und Kreditkartenleser. Zumindest organisierte Wegelagerei. Immerhin.

Während ich mich sammele sehe ich jemanden drei Scheine mit dem Aufdruck „100“ durch die Scheibe schieben und weiter fahren. Hey! Touristenabzocke! Ich beteuere ich sie „camping car. house on wheels“ und wolle auch nur 300 zahlen. Der Posto di Blocko führt mich zu einer grossen Tafel. Bild von einem PKW: 300. Bild von einem Wohnmobil: 4000. Hmm. Warum hat er mir das nicht gleich gezeigt? Also zahle ich und darf weiter fahren. Gut 25 Euro war das, wie ich später ‚rausgefunden habe.

Fuchs

Fuchs un der Dämmerung

Noch ein Fuchs

Noch ein Fuchs

Es dämmert. Ich fahre durch ein Land von dem ich nicht mal den Wechselkurs der Währung kenne, nicht mal „hallo“ oder „danke“ sagen kann, nicht mal die Kyrillischen Schilder lesen kann. Wo es komische Sperrgebiete um die grenze gibt. Und wo es sich ganz anders anfühlt als in Litauen. Die Strasse ist schlechter. Keine Leitplanken, Radwege, irgendwas. Schilder in Kyrillisch. Keine Laternen. Schlaglöcher. Immer wieder Gruppen von Fußgängern an der Strasse lang. Ich biege auf einen Wanderparkplatz ab, der vielleicht 100 m vom Wald ist. Das ist der „Wald der tanzenden Bäume“ –  sind wohl Mutationen von ausgelaufenen Giftstoffen, die da wirken. Kein Auto zu sehen. Ein Fuchs wühlt im Müll und ignoriert mich. Ich stelle mich erst an den Rand. Mit einem mulmigen Gefühl Abendessen.

IMG_0256Irgendwie fühl ich mich nicht wohl. Bestimmt weil ich erstaunlich schräg parke. Rangiere dann, bis ich schön grade stehe und direkt los fahren kann. Lasse den Durchstieg zum Fahrerhaus offen, damit ich im Zweifel schnell losfahren kann. Es ist fast komplett dunkel.

Während ich rangiere taucht eine Gruppe von Twens aus den Dünen auf. Ohne ein gemeinsame Sprache machen Sie mir klar, ich solle sie ins nächste Dorf mitnehmen. Ich mache ihnen klar, dass ich hier übernachte. Wir scheiden, beide Seiten von der anderen überrascht.

Ich glaube ich habe einen Kulturschock. Nach 7 Kilometern in Russland. Na toll. Ich, Mr Weitgereist – was soll’n das. Da fällt mir ein, dass es mir in Ecuador ähnlich ging.

Zum Einschlafen zur Beruhigung noch ein bisschen in „Russland per Reisemobil“ von Konstantin Abert schmöckern. Der schreibt doch immer „halb so wild, einfach hin fahren!“. Ich blättere wahllos. „… an wochenende Gruppen von Betrunkenen, die gelegentlich auf Westler losgehen ….“ Ohoh. Perfekt.

Es ist Stockfinster, dagegen war es nachts in Litauen grell. Aber regelmässig kommen Autos auf den abgelegenen Parkplatz geprescht, leuchten mich an und brausen dann wieder weg. Unglaublicher Sternenhimmel.

Hilft ja alles nichts: Augen zu und in den Schlaf! Und am nächsten Morgen weitersehen.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Baltikum Herbst 2015 – Litauen, Lettland, Kaliningrad & Polen – Daheim & Unterwegs - 2016-06-26

    […] Einreise nach Kalinigrad / Königsberg (Russland) über die Kurische Nehrung. Dauert etwas, war aber nicht unangenehm und geht auch ohne russisch Kenntnisse. (Tag 10) […]

  2. 11: Kaliningrad Oblast – Daheim & Unterwegs - 2016-06-26

    […] erste Nacht in Russland war etwas anstrengend und sollte auch die letzte bleiben. Ich hatte ein bisschen genug von meinem […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s