32: Island ganz einsam

Vorabend sonnig, dafür fing der Morgen gleich herausfordernd an: peitschender Regen und Sturmböen. Wenn ich die Wetterkarte richtig studiert hab, Windstärke 10. Beim Versuch Wasser zum Spülen und Kaffee kochen zu machen (im halbtrockenen unter der korrekt abgespannten Markise) hat eine Böhe die Markise zerstört. Stangen verbogen, Gelenke gebrochen, Plane gerissen. Auch die Tür des Klohäusschens 50 m weiter hat es bei der Gelegenheit aus den Angeln gerissen. Aber schon ausgesprochen doof, das wir für den Rest der Reise keine Markise mehr haben. Vermutlich schaffen wir als Ersatz eine Foxwing an.
Zelt im Sturm einpacken ist auch spannend. Bis alles im Auto verstaut war, fiel noch die eine oder andere Kleinigkeit den Böen zum Opfer.

Also vom weiter in die Westfjorde. Gegen den Uhrzeigersinn. Ungefrühstückt los in der Hoffnung, ein Café zu finden und da im trockenen zu Frühstücken. Das „Heritage Museum“ Hrafnseyri, an dem wir vorbei kamen, hatte zwar ein Café, machte aber erst um 11 auf. Überlegt, ob wir direkt an der Küste nach Lokinhamrar weiter fahtren. Nee.

Also weiter über einen Bergpass auf der 60 gen Norden. Immer von Regen begleitet. Mal Nieselregen, mal Starkregen und mal normaler Regen. Im nächsten größeren Ort (Þingeyri) gab es in der Tankstelle einen Hot Dog Stand und Mini Mart. Da gab es dann Frühstück. Urgs.

Und nun? Es scheint keine Chance zu geben, dem Wetter zu entkommen. Regen in alle Himmelsrichtungen – wobei man in den Westfjorden üblicherweise nur in zwei Richtungen reisen kann.

Wenn man diese Landzunge umrunden würde, käme man bei Lokinhamrar vorbei. Die Route da lang ist legendär: wenn man all die Reiseberichte im Internet liest, dann ist sie der Camel-Trophy angemessen – oder auch nicht. Unter Überhängen hindurch, über Felsstrand (nur bei Ebbe), so schmal, das Gegenverkehr einem Verhängnis gleichkommt. Aber auch viele verlassene Höfe. Über „Lokihammer“ (Ich vertipp mich dauernd) beziehungsweise des letzten Schäfers des Ortes gibt es sogar einen Dokumentarfilm: Islands letzter Einsiedler – Der Schäfer von Lokinhamrar.

Trauen wir uns? Inzwischen ist das „heftige“ Teilstück Süd-Östlich von Lokihamrar angeblich sogar gesperrt. Was soll’s – wir wollen erstmal die 622 (Svalvogarvegur) bis zum Leuchtturm fahren und dann weiter schauen. Atemberaubende Landschaft und immer wieder auch atemberaubendes Wetter. Windstärke 11 und Regen, der nicht fällt, sondern vertikal vorbeisegelt.

Die komischen Fisch-Trokenhäuser. Oben normal, unten Fachwerk ohne Wandverkleidung aber mit Netz. Der Französische Friedhof mit genau einem Grab. Am Leuchtturm von Slagovar eine (verschlossene) Schutzhütte in einem verfallenen Gehöft (N 65.90733°  W 23.84540°). Ein Volvo Lappländer in der Scheune. Mittagspause in einer sonnigen Regenpause. Uns gefällt es hier gut. Bei besserem Wetter wären wir für die Nacht geblieben.

Die Strasse eng und am Abgrund, aber gut zu fahren. Auch an den Passagen im Steilhang immer wider Stellen, an denen zwei Autos aneinander vorbei kommen würden. Alles halb so wild.

Dann Lokihamer. Alles renoviert und (als Ferienhaus.) genutzt. Eine Furt neben der baufälligen Brücke. Dann ein Warnschild und ein weggedrehtes Schild „impassable“. Hmm. Wird schon Sinn haben, dass das Schild weg gedreht ist. Es geht also runter zum Strand. Sehr grober Kies, zum Teil leicht Abfallend und rutschig. Überhänge, unter denen aber vermutlich auch einem LKW mit Einweiser her käme. Vielleicht 20 m die echt nah am Wasser sind. Ich Zweifel aber, dass die bei normaler Flut überspült werden. Wir hatten Ebbe und Sturm und das Wasser war 3-4 Höhenmeter unter der Fahrbahn. Die Strecke wird auch ganz offensichtlich aktiv und regelmäßig in Stand gehalten. Dann waren wir auch schon durch. Die Fußball großen Kiesel sind das Hauptproblem der Strecke. Aber mit 85 cm großen Reifen mit 2 Bar war das relativ entspannt. Es sollte auch mit ein bisschen Nervenkitzel für ein Serien-SUV fahrbar sein.

Wir haben dann die Strasse durch Fossdalur und Kirkjubolsdalur zurück nach Thingeri genommen (Abzweigung bei N 65.79576°  W 23.73253°). Diese Piste war zweifelsohne eine der schönsten Strecken, die wir in Island gefahren sind und ganz gut in Schuss, wenn auch stellenweise etwas feucht. Ist aber auf den meisten Karten nicht als durchgehend eingezeichnet. Höhepunkt der Strecke ist der Pass Koennaskarð bei N 65.80701°  W 23.63614°. Da ist mit dem Bulldozer ein „Loch“ in einen Bergkamm geschoben. Man fährt wie durch eine Mauer und ist plötzlich in einem anderen Tal mit anderem Wetter. In nähe des Golfplatzes kommt man dann in eine „Auenlandschaft“ wo der Weg teilweise unter Wasser steht. Irgendwo auf dieser Strecke hätte man bestimmt auch toll übernachten können.

VMware FusionSnapz004Kurz vor Ende ging es eigentlich nach Links durch eine harmlose Furt, aber wir sind gradeaus durch ein Schafsgatter gefahren, wo ein Fischereiclub oder so war, der scheinbar einen halben Öltank als Schutzhütte genutzt hatte und der Tank wohl dann vom Wind auf den Rücken geworfen wurde. Bizarr. Wie haben die den Tank dahin bekommen. Ein paar hundert Meter weiter stand das Unterteil (N 65.85155°  W 23.48896°).

Weiter an den Westfjorden entlang. Wind noch und nöcher, das Fahren mit dem hohen Auto kostet tierisch Konzentration. Ich sage: Hui, ich spüre, wie der Sturm durch die Lüftung hier rein pustet. Plötzlich ein komisches Geräusch, und das Fahrgefühl ist ganz anders. Ich ahne was. „Schau doch mal, ob Du im Spiegel unser Dach ausmachen kannst“ – „Nein, nicht da, wo es sein sollte.“

Der Sturm hatte durch die Lüftung so fest ins Auto gepustet, dass der Überdruck das Schlafdach wie einen Blasebalg hat hochschnellen lassen. Unglaublich! Man kann das Dach zwar verzurren, aber das ist laut Hersteller nur eine Diebstahlsicherung. Obendrein trocknet es dann nicht so gut. „Das Dach bleibt auch beim Dünenspringen ohne Verzurrung zu.“ Bei Isländischen Stürmen aber nicht.

Weiter nach Isafjördur, der Metropole der Westfjorde. Vorher 9 km Tunnel, von dem die erste Hälfte einspurig ist (diesmal hatten wir aber Vorfahrt und die anderen mussten in Haltebuchten warten), dann kommt eine T-Kreuzung (!) und dann geht es zweispurig weiter bis Isafjördur. Insgesamt 150 km gefahren.

Wegen Schweinewetter haben wir ein Hotel genommen, was es sogar gut und (relativ) günstig gab. Isafjördur ist erstaunlich urban für ein Kaff mit 2600 Einwohnern. Es wurde ein Rentierfell angeschafft – dabei wurde uns andernorts erzählt, sowas gebe es nur in Reykjavik. Der Laden hatte auch alte Schlittschuhe, Modell .Princess“. Es gibt ein kleines Einkaufszentrum, in dem Scootern und Skaten verboten ist – man gibt sich großstädtisch.

Abendessen: Das erste Restaurant war zur Bar mutiert, das zweite proppenvoll, das dritte war auch zu voll und bot nur Fisch an, das vierte war sehr nett, nur schmeckte das Essen – wie so oft in Island – gar nicht so recht gut. Aber das sollte einem die Laune nicht verderben. Brauchbares Bier (und Malzbier für die Kinder) half über das Essen hinweg. Es regnete nicht und war recht warm und auf dem Rückweg blieben wir noch ein bisschen vor einer Bar mit live Musik (an einem Mittwoch – 2600 Einwohner!) Die Band „of Monsters and Men“ kommt auch von hier.

Ein abenteuerlicher Tag mit einem guten Abschluss!

20130821-192318.jpg

20130821-192335.jpg

20130821-192405.jpg

20130821-192507.jpg

20130821-192437.jpg

20130821-192453.jpg

20130821-192519.jpg

20130821-192610.jpg

20130821-192633.jpg

20130821-192549.jpg

20130821-192642.jpg

20130821-192619.jpg

20130821-192658.jpg

20130821-192652.jpg

20130822-075554.jpg

Trackbacks/Pingbacks

  1. Island 2013 | Daheim & Unterwegs - 2013-12-22

    […] und viel von der Ringstrasse weg gehalten. Der größte Ort, den wir besucht haben war Isajfördur (Tag 32 und 33) in den Westfjorden, wo es uns sehr gut gefallen […]

  2. 33: an’s Nordende | Daheim & Unterwegs - 2014-01-04

    […] hatte uns nach den einsamen Gegenden am Vortag toll gefallen und das Hotel  Horn verabschiedete sich mit einem guten […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s