Meine erste Expedition

Ich erinnere mich noch ganz genau an meine erste Expeditionsreise. Das muss irgendwann nach der Konfirmation – also mit etwa 15 – gewesenen sein. Ich hatte angefangen mich für das Wandern zu interessieren. Ich hatte mich schrittweise mit Schlafsack (McKinley), Isomatte (so ein dickes Schaumstoffding), Trekkingrucksack (auch McKinley), Bundeswehr Geschirr, Esbit Kocher und alpentauglicher Spiegelbrille ausgestattet. Ich hatte bei „Tabak Oberlies“, dem führenden Zeitschriftenladen am Ort, die Zeitung „Outdoor“ – ein Trekkingmagazin – gefunden und mehrere Ausgaben lang studiert. Ich war beim Deutschen Jugendherbergswerk Mitglied geworden und hatte den ein paar Jahre alten Jugendherbergsführer in der Stadtbücherrei ausgeliehen. Ich war praktisch für alles gerüstet.

Und diesen Sommer sollte es los gehen. Mein Freund Pino – der noch ein Jahr jünger als ich war – wollte mit mir auf die grosse Tour gehen. Mit einer spiralgebundenen 1:50.000er Karte im Gepäck hatten wir nur eine vage Vorstellung von der geplanten Route. Halt da wo Jugendherbergen sind lang! Die erste Tagesetappe fest im Blick wollten wir am zweiten tag einfach mal weiterschauen.

Die Aufregung war gross und es wurde umfangreich vorbereitet. Am Ende hatten wir sogar eine Dose Ravioli im Gepäck und kamen jeder vielleicht auf 15 kg Gepäck. Heute, als Vater, kann ich nachvollziehen, dass die Aufregung bei unseren Eltern noch viel grösser gewesen sein muss, als bei uns. Ich vermute da gab es Gedanken wie „naja, besser, als wenn Sie Drogen nehmen“. „Hauptsache sie sind nicht auf der Strasse“ kann es ja nicht gewesen sein.

Die erste Tagesetappe unserer Expedition ging recht zeitig los. Die Strecke war: Radevormwald-Kürten. Das klingt jetzt nicht dramatisch. Fühlte sich aber so an.

Die allwissende Müllhalde meint, eine Expedition sei „eine Entdeckungs- oder Forschungsreise in entlegene Regionen“. Nun sind „entlegene Region“ eine subjektive Sache. Wir beide waren noch nie in Kürten und hatten nur eine Vage Vorstellung wo es liegt. Für uns war das, was wir da trieben, ganz klar Entdeckung und Forschung und benötigte eine extrem ausführliche Planung und Vorbereitung. Und ein bisschen Mut.

Die Tour selber war dann in vielerlei Richtung ein toller Erfolg, aber es war sicher keine gelungene Tour. Wir waren beiden nicht gewohnt, solche Lasten zu schleppen und schon nach etwa eineinhalb Stunden war die erste grössere Rast nötig. Aber das Wetter war toll und die Laune ganz gut. Wir versuchten die Ravioli auf dem Esbit Kocher zu erhitzen, was zu halb verbrannten und halb eiskalten Ravioli führte. Ich glaub wir hatten eine Auseinandersetzung über Brandgefahr durch Esbit-Kocher. Eine Mülltüte hätte den Abtransport der Essensreste erleichtert. Dinge die man fürs Leben lernt.

Irgendwann schlurften wir erschöpft hinein nach Kürten. „Ist das Kürten?“ „Wo ist die Jugendherberge?“ „Die muss hier irgendwo sein!“ Uns fehlte deutlich die Kraft noch allzuviel im Ort ‚rumzusuchen.
Aber irgendwann tat Pino einen Eingeborenen auf, der Ihm erklärte, dass die Jugenherberge vor einiger Zeit geschlossen hätte und jetzt ein Asylbewerberheim sei. Da rächte sich der veraltete Jugendherbergsführer.

Wir kamen uns ernsthaft doof vor und katten keine Ahnung, was jetzt zu tun sein könnte. Also tun wir, was man als Kind tut, wenn nicht weis, was zu tun ist: mit 20 Pfennig in die gelbe Telefonzelle und Mama angerufen. Pinos Mutter hat uns dann abgeholt, mich zuhause abgesetzt und ihren Sprössling heim verfrachtet. Das war schmachvoll, aber wir waren auch erleichtert. Ich vermute, unsere Eltern auch.

Am nächsten morgen konnte ich kaum vom Bett bis zum Telefon humpeln. Eigentlich hatten wir Visionen gehabt, dass unsere Eltern uns doch bitte am Morgen wieder nach Kürten fahren sollten, von da würden wir dann ja weiter wandern können. Uns war aber schon irgendwie klar, das wir das nicht so ohne weiteres bei unseren Eltern würden durchsetzen können.

Am nächsten Morgen kam mir das aber gar nicht mehr wie eine so gute Idee vor. Bei Pino angerufen. Zu meiner grossen Erleichterung stellte ich fest, das auch er kaum noch gehen konnte. Vielleicht genug gewandert für diesen Sommer! Aus gesundheitlichen Gründen geht nicht mehr. Die Eltern haben auch gar keine Zeit uns zu fahren. An uns hat’s nicht gelegen – echt!

Mehr als zwanzig Jahre später komme ich so langsam zu dem Punkt wo ich in absehbarer Zeit verinnerlicht haben werde, das man besser mal anruft, bevor man wo hin geht / fährt.

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