Gestrandet in der Wüste

Laut neuem Reiseplan sollte es heute relativ lange gen Norden gehen, da wollten wir Bodie, die bekannteste Geisterstadt Kaliforniens besichtigen. Dann zurück nach Süden in das Ski-Ressort Mammoth Lakes. Dabei wollten wir in einem großen umgekehrten „U“ den Gebirgszug, der Nevada und Kalifornien voneinander trennt, überqueren. Passhöhe immerhin 2400 m. Bodie ist zwar nur über nicht-asphaltierte Strassen zu erreichen, aber ein „National Historic Landmark“ mit Besucherzentrum und allem Zipp und Zapp.

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Mein Kartenstudium ergab, dass Bodie aus östlicher, südlicher und westlicher Richtung zu erreichen sein sollte. Als große Touristenattrktion ging ich davon aus, dass ich Bodie ins Navi eingeben würde und mich ab dann um nichts mehr kümmern müsste. Morgends noch einen Besuch im Bergwerksmuseum Tonopah, das wir am Vortag nur von aussen besichtigt hatten und dann los.

Das Navi im Auto war aber seltsam abgestürzt, so dass man nur die Adressbucheinträge verwenden, aber keine neuen Adressen mehr eingeben konnte. Das iPad hatte ein GPS Problem. Also erstmal in die richtige Richtung losfahren, das wird schon. Irgendwann kamen wir dann in Hawthrone an. Die Stadt ist nicht nur das größte Waffenlager der Welt (ein Blick auf Google Earth ist zutiefst beunruhigend) sondern auch die letzte Stadt in Nevada vor der kalifornischen Grenze und genau östlich von Bodie gelegen.

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Jetzt war Navigation gefragt und da das iPad noch immer keinen GPS Empfang hatte, probierte ich mal TomTom auf dem iPhone aus. Das iPhone steckte in einem iPhone GPS Booster von TomTom und hatte keine GPS Probleme, sondern schlug vor, erst nach Süden zu fahren und von da wieder in nördlicher Richtung auf Bodie zuzufahren. Etwas seltsam, aber nagut. Wir fuhren also gen Norden aus Hawthrone heraus, als nach 5 Kilometern ein Schild „Bodie, 39 miles ->“ kam.
Dann würden wir uns Bodie aus östlicher Richtung nähern – macht Sinn. Die Strasse war nicht geteert, aber sicher 8m breit und super in Schuss. 50 km Pistenfahrt würde das Auto zwar mächtig staubig werden, aber was soll’s?

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Unterwegs kamen wir an Baumaschinen vorbei, die die Strasse in Ordnung brachten. Irgendwann sahen wir eine Staubwolke am Horizont, die sich als ein Haufen Panzerfahrzeuge entpuppte, die auf uns zufuhr. Das hatte was wild-romantisches. Die Piste war in so gutem Zustand, dass man locker 100 fahren konnte, was ein uns überholender Pickup auch tat. Die Piste war auch im Navi des Autos als rote Strasse (die ganz kleinen sind grau) eingezeichnet. Nur Bodie war nirgends ausgeschildert.

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Nach etwa 29 km kamen wir an eine Kreuzung. Ein Schild nach Links zeigte nach Dingenskirchen und Dingenskirchen liegt in Richtung Bodie. Langsam war es richtig nervig, das vorallem „Route Buddy Atlas“ mit seinem guten Kartenmaterial wegen GPS Problemen nicht klappte. Denn das vom Atlas verwendete OpenStreetmap Material hatte sich bisher als ausgesprochen zuverlässig erwiesen.

Naja, die Abzweigung rechts genommen. Die Piste hier war autobahnmaessig ausgebaut, mit zahlreichen Schildern, die vor „Heavy Equippent“ warnten. Allerdings begegneten uns auf dieser Strecke keine anderen Fahrzeuge. Einsam. Munter voran! Es kam irgendwann eine Gabelung. Die Strasse nach Rechts sah wie ein besserer Feldweg aus und es war ein großes Schild dran mit Worten wie „unmaintained“ und „your own Risk“. Das wäre die recht komfortabel zu befahrende Strasse nach Bodie gewesen – lernten wir später.

wpid-Photo-22.07.2010-2206.jpgWir also weiter nach links auf der Pistenautobahn. Wir sahen einige Mienenreste und dann ein riesiges Gelände, wo Licht brannte – eine aktive Miene! Vermutlich der Grund für die hervorragend ausgebaute Strasse.
Vor der Miene gab es einen Abzweig nach rechts mit einem Schild das sagte, hier ging es zum Friedhof von Dingeskirchen. Also da lang und nach vielleicht drei km gab es einen Gedenkstein und mehr nicht – da machten wir Picknik.

Inzwischen funktionierte das GPS auf dem iPad und ich konnte die Karten in Route Buddy Atlas studieren. Ja hier ging es nach Bodie, aber die Strassen waren verworren. Naja, immer vorraus! Die Strasse wurde immer schlechter, hatte dauernd Abzweigungen und nach vielleicht 5 km war ich mir sicher, dass es sich nicht im die mit einem Strassenschild am Highway bedachte, offizielle Strasse nach Bodie handeln könne. Immer öfter machte es Padauz, wenn irgendwas den Unterboden oder den Radkasten unsanft berührte.

Ich beschloss umzukehren. Die letzte Wendemöglichkeit gefühlt ca. 1 km zurück und das konnte ich unmöglich im Rückwärtsgang fahren. Also weiter bis zur nächsten Wendemöglichkeit. Dann plötzlich „low tire pressue“ Anzeige im Amaturenbrett. Ein Gang ums Auto zeigte: vorne rechts zischte es. Ein Blick in den Kofferraum zeigte: zwar eine dritte Sitzreihe, aber kein Reserverad.
Ups.

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Da waren wir also: seit 1 h kein Mobilfunk Empfang mehr, auf ca. 1800m Höhe bei ca 36 C. Immerhin zum Gluck nur ca 10 km von den nächsten Menschen – an der Mine – entfernt. Wir hatten auch alles nötige für einen solchen Marsch dabei – inclusive viel Wasser – aber was, wenn wir bei der Miene waren? Irgendwie musste das Auto da weg wo es war.  Hier kommt sicher kein Abschleppwagen hin! Für die Kinder wäre der Marsch eine unglaubliche Belastung gewesen und beide waren eh schon den Tränen nahe. Was sagt da Handbuch des Autos zum Thema Ersatzreifen? Es gibt gar kein Handbuch! Na super!

Ich entschließe mich zurück zu fahren soweit mich die Reifen tragen – das verkürzt den Marsch. Ich ignoriere die Unmöglichkeit den Weg rückwärts zu fahren und finde auch nach einigen hundert Metern die Gelegenheit zu wenden. Im Schritttempo geht es erst über Stock und Stein, dann über einen zunehmend besser werdenden Feldweg zurück. Die Geräusche, die das platte Vorderrad auf felsigem Untergrund macht, sind herzerweichend.

Als wir die ersten Ausläufer der Mine erspähen, sind die Kinder sehr erleichtert. „Aber was ist, wenn die uns nicht helfen?“ „Das ist der amerikanische Westen, da hilft man sich!“ Nach weiteren 3 km humpeln wir dann zum Security Checkpoint der Mine.

Die beiden Wachmänner machen grosse Augen und lotzen uns auf die LKW Waage – dem einzigen festen Untergrund. Sie drücken mir ein Iridium Satelitten-Telefon in die Hand (jay!) damit ich bei der Autovermietung anrufen kann. Geht aber nicht: Von Iridium aus ist scheinbar die gebührenfreie Nummer nicht erreichbar: „invalid Number“.

Nachdem wir das ganze Gepäck aus dem Kofferraum auf den Rücksitz gepackt haben, kommt unter den eingeklappten Sitzen der 3. Reihe doch noch ein Reserverad zum Vorschein. Und auch die Bedienungsanleitung zum Auto findet sich da. Die beiden Sicherheitsleute scheinen der Auffassung zu sein, dass ich zu blond sei und wechseln mir den Reifen in Windeseile und versorgen mich mit Informationen, wo der nächste Reifenhändler ist (40 km von hier). Ich pack unser Gepäck irgendwie zusammen.

Ab geht es im Schneckentempo mit dem lächerlich kleinen Notrad nach Hawthrone zurück. Wir sind besorgt, ob das Ding die Schotterpiste aushält, aber das tut es.

In Hawthrone geht Mobilfunk wieder und ich verbringe 19 Minuten in der Warteschleife der „Roadside Assistance“ der Autovermitung (Alamo) bis ich es aufgebe. Den Reifenhändler finden wir nicht, aber es ist inzwischen 17:00 h und der hatte vermutlich eh schon längst zu. Eigentlich hat in Hawthrone alles zu.

Wir entscheiden uns – nach dem Festziehen der Radmuttern – die 150 km zu unserem nächsten Hotel in Mammoth Lakes mit Notrad zu fahren. Schließlich ist die ganze Strecke geteert. Die ersten 50 km sind ein einstreifiger Highway und wir sind als lebendes Verkehrshindernis mit 80 km/h unterwegs. Allerdings überholen uns höchstens 10 Autos, so einsam ist die Paßstrasse (2500 m hoch). Wir kommen aber an drei Militärkonvois vorbei, bei denen viele Fahrzeuge mit offener Motorhaube rumstehen – ob denen die Höhe nicht bekommt?

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Hinter dem Pass ist die Landschaft ganz anders: endlich wieder Bäume! Kalifornien! Ich weis nicht warum, aber ich fühle mich direkt heimisch. Wir passieren ein weiteres Schild nach Bodie (andermal!) und den berühmten Mono Lake. Ab dann geht es vierspurig weiter und mit ganz deutlich erhöhter Verkehrsdichte. Mobilfunk geht auch super und das iPad bekommt eine Datenverbindung, die ich seit Las Vegas nicht mehr hatte. Endlich wieder Zivilisation!

Mammoth Lakes ist ein schicker Skiort, gegen den Garmisch Patenkirchen schäbig aussieht. Nach Check-In im Best Western gehen die Kinder raus spielen (Bäume!) und ich rufe die Autovermietung an – diesmal via Skype.

20130323-222005.jpgNach 20 MInuten Wartesrchleife (grrrr!) habe ich eine freundliche und kompetente Dame am Apparat. „I’m Sorry to hear that.“ „I’m very glad, you got The Spare Tire mounted.“ „A new tire is covered by our insurance“. Ich soll zu einem Alamo-Stutzpunkt fahren und das Auto tauschen. Problem: Der nächste Alamo ist in Sacramento (390 km) oder Oakland (420 km). Ups. In Modesto (290 km) war ein Alamo, aber der hat zu gemacht. Dann zum nächsten Firestone-Stützpunkt. „Oh your are pretty far out“. Der nächste Firestone ist in Modesto. 4 h Fahrt mit dem Notrad.. Aber „the spare should be good for 1000 Miles“ – wie stark der wohl durch die Schotterpisten gealtert ist?

Das Hotel ist schön, die Kinder sind erstaunlich lange verschwunden und kommen dann mit einem riesen Wanderstab zurück und wir machen – inzwischen ist es kurz nach acht – einen Gang durch den Ort. Das Hotel Restaurant hatte den beiden nicht behagt aber am Ende entscheiden wir uns doch dahin zurück zu gehen.

wpid-Photo-22.07.2010-2100.jpgAuf dem Rückweg von unserem Spaziergang zum Hotel/Restaurant kommen wir an der Feuerwache vorbei, die im Dunklen chromblitzend erleuchtet ist. Ein Feuerwehrmann auf dem Balkon erkennt unsere neugierigen Blicke und bietet uns eine Führung an. Nach 20 Minuten kennen wir jede Ecke der Wache und die Problematik einfrierender Wasserschläuche im Winter und so. interessant, das hier die meisten Häuser eine Dachheizung gegen die Schneemassen haben und das diese gerne mal brennt.

Beim Abendessen – inzwischen ist es 21:30  – macht sich die grosse Müdigkeit breit. Aber beide Söhne schreiben noch Reisetagebuch, einer nimmt noch ein Bad und dann wird schnell geschlafen.

Ich blogge noch bis mir um 23:30 die Augen zufallen. Leider bin ich dann um 5 wieder wach, aber die Kinder schlafen endlich mal länger.

 

4 comments on “Gestrandet in der Wüste

  1. Anonymous
    2010-07-23 at 07:01 #

    Gemein! Gerade wenn es spannend wird abbrechen…. *neugierig

  2. Anonymous
    2010-07-23 at 07:41 #

    @Jutta Genau das hab ich auch gedacht!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Der Anfang meiner Auseinandersetzung mit Geländewagen | Daheim & Unterwegs - 2013-03-23

    […] Mit zwei Kindern war ich mitten in Nevada mit zwei Kindern in der einer menschenleeren Gegend gestrandet und hatte nicht mal ein Reserverad dabei: Gestrandet in der Wüste. […]

  2. Verirrung nachgearbeitet | Daheim & Unterwegs - 2013-03-24

    […] Vor zwei einhalb Jahren hatte ich mich ja recht spektakulär in der Wüste zwischen Nevada und Kalifornien verirrt und es dann auch noch geschafft, das Auto in einen nicht mehr ganz fahrtüchtigen Zustand zu bringen. Näheres hier. […]

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