Computer Literacy

In den 80ern als die ersten Computer in die Firmen kamen, war Computer Literacy aus keiner Diskussion mehr wegzudenken. Wer keinen Computer bedienen könnte, der wäre bald so abgeschrieben wie ein Analphabet, hieß es. Dieser vermeintliche Fakt wurde berits durch die Wortwahl „Literacy“ deutlich. Denn illiteracy im Englischen meint nichts anderes als Analphabethismus. Nur Leute mit Computer Literacy würden sich in Zukunft im Leben noch zurecht finden, egal ob Schule, Arbeit oder im täglichen Leben, ohne Computer ginge irgendwann nichts mehr.

Die Kritiker hingegen meinten, der Apple Lisa, würde es schon richten. Dann bräuchte man keine Computer Literacy mehr. Was man vorher in mehreren Monaten hatte mühevoll lernen müssen, sei nun in wenigen Tagen erlernbar. Und eigentlich mache es doch am meisten Sinn, diese Dinge bei der Arbeit mit Computern zu lernen. Anstatt sich im Vorfeld Wissen anzueigenen, das man später vielleicht gar nicht brauche.

Dass es in der Zeit, in der Computer noch eine Seltenheit waren, eine heiße Diskussion zu diesem Thema gab, man heute aber kaum noch etwas davon hört, kann man eigentlich kaum glauben. Haben denn nun alle Computer Literacy, so dass es nicht mehr der Rede wert wäre? Oder wurde die Debatte einfach nur verdrängt von der Diskussionen über neue Schlagwörter wie „Information Literacy“ oder „Media Literacy“?

Der kleine Unterschied: Computer-Bediener und Computer-Literaten

Ich meine, das Thema ist heute akuteller denn je. Denn selbst Leute, die heute mit Word oder Excel einigermaßen umgehen können, Mails verschicken und durch das Internet streifen, sind in Wirklichkeit immer noch Computer-Analphabeten. Vielleicht ist dies so, weil die Diskussion um Computer Literacy nie zu Ende geführt wurde, weil eigentlich immer noch unklar ist, was Computer Literacy eigentlich ausmacht. Aus diesem Grund beschränkte man sich wohl auf das Naheliegendste, das Bedienen von Software und ließ das Verständnis für die Zusammenhänge außen vor. Computerführerscheine und VHS-Kurse schossen wie Pilze aus dem Boden. Sogar das Arbeitsamt schickte die Arbeitslosen auf Word-Schulungen um sie möglichst schnell, wieder in das Arbeitsleben zu integrieren.

Doch meines Erachtens sind diese Schulungen der falsche Ansatz. Die Teilnehmer sind danach nur Programm-Bediener; nicht mehr und nicht weniger als Arbeiter an Programmen. Was nun, wenn Sie statt Microsoft-Produkten nun Open Office benutzen sollen? Oder noch schlimmer auf einem anderen Betriebssystem arbeiten? Sie sind verunsichert und fangen bei null an.

Natürlich erwarte man von seinen Mitarbeitern, dass sie mit den gängigen Programmen umgehen können. Aber ich meine, dass sie statt nur Programme benutzen zu lernen, die dahinter liegenden Konzepte verstehen müssen. Denn diese Konzepte sind überall gleich, egal welches Programm und welches Betriebssystem man nutzt. Nach dem Motto: Zeig den Leuten, wie sie Word benutzen und sie werden Briefe schreiben. Zeig ihnen wie ein Computer funktioniert und sie werden alles damit machen können.

Was gehört zu Computer Literacy?

  • Wie funktioniert ein Computer? Wie funktioniert ein Programm?

    Programme funktionieren immer gleich. Sie haben ein vorhersehbares Verhalten. Was eingegeben wird, kommt auch raus. Programmiergrundlagen.

  • Wie funktionieren Netzwerke im Allgemeinen und das Internet im Besonderen?

    Dazu zählen für mich Netzwerkprotokolle, IP-Adressen und DNS.

  • Was sind Datenbanken und wie funktionieren sie?

    Hier auch, dass Datenbanken oft auf separaten Rechnern laufen und dass diese Daten von unterschiedlichen Programmen unterschiedlich gelesen werden können. Dass die Daten zusammengefasst und ausgewertet werden können. Dass man diese Daten mit verschiedenen Werkzeugen, sogar selbst auswerten kann.

  • Wie funktioniert E-Mail? Warum kann man sich nicht darauf verlassen, dass E-Mails ankommen?

    Kommunikation zwischen Servern, Spam-Problematik, verschiedene Verhaltensweisen von unterschiedlicher Mailserver-Software.

  • Wie können verschiedene Programme miteinander sprechen?

    Hier auch an Beispielen von Hudora-Software, warum es schlimm ist in Programmen Daten zu löschen oder sie gar nicht anzulegen.

  • Wie sicher sind Computer?

    Malware, Adware, Spyware, Phishing, Passwort-Weitergabe

  • Wichtigste Tastenkombinationen, die in den meisten Programmen auf den meisten Betriebssystemen funktionieren.

    strg-c, strg-v, strg-f, strg-q, strg-n …

  • Wie suche ich richtig und kann kann ich Wikipedia vertrauen

  • Was sind so neumodische Sachen wie Blogs und Wikis und wofür setze ich sie ein?

  • Insbesondere im Bezug auf Wissensmanagement.

Diese Liste ist sicher noch unvollständig. (Über Anregungen würde ich mich an dieser Stelle freuen.)

Warum ist es wichtig, diese Konzepte zu verstehen?

Weil ich:

  • so Software verstehen lerne und sie dadurch besser einsetzen kann.
  • durch das Verständnis der Zusammenhänge neue Wege finden kann, wie ich die vorhandene Software noch besser einsetzen kann.
  • durch den Blick auf das große Ganze, den fehlerhaften Einsatz von Software vermeiden kann.
  • die Risiken von fehlerhafter Software-Nutzung besser einschätzen kann und mich auch mal traue, Dinge auszuprobieren.
  • durch Verständnis und den richtigen Einsatz von Software das Support-Aufkommen um ein Vielfaches reduzieren kann.
  • durch das Wissen um das Vorhandensein von Daten und die Möglichkeit der Auswertung viele Dinge vereinfachen oder verändern kann.

Warum reicht es nicht einfach, wenn man die Programme anwendet?

Weil bei uns Leute arbeiten sollen, die nicht mechanisch Aufgaben erledigen, die ein Computer besser kann. Es kann nicht das Ziel sein, durch Fleiß und Überstunden alle Wünsche unserer Kunden zu erfüllen. Sondern man sollte im Vorfeld nachdenken, wie man sich und anderen die Arbeit erleichtern und dabei noch die Wünsche der Kunden erfüllen oder sogar übertreffen kann.

Dazu gehört meines Erachtens nicht nur das Wissen über die benutzten Werkzeuge, sondern auch das regelmäßige Teilen von Wissen über eben diese. So dass die Kollegen in meiner Abwesenheit nicht immer wieder das Rad neu erfinden müssen.

Software sollte durchaus kreativ genutzt werden, aber ich erwarte dass dabei die Rahmenbedingungen bekannt sind. Ich muss mir über mögliche Auswirkungen im Klaren sein und die Risiken richtig einschätzen können. Das kann ich nur, wenn ich das große Ganze verstehe und nicht nur einzelne Programme. Diese kreative Nutzung verstehe ich vor allem in Form von Automatisierung, Verwendung von Daten in anderen Programmen, Analyse von Daten.

Computer Literacy ermöglicht für mich also den kreativen und sinnvollen Umgang mit Software, so dass ich den Aufwand für alle reduziere und mir immer über die Konsequenzen meines Tuns im Klaren bin.

One comment on “Computer Literacy

  1. schwan
    2008-10-16 at 07:41 #

    Du sprichst mir aus der Seele

    Du sprichst mir aus der Seele
    nur wir leben in einer Welt wo selbständiges Denken nicht mehr erwünscht ist. Und eigene Entscheidungen treffen ist gar nicht gerne gesehen, bei mir heissen diese Leute nur Mausschubser.

    Ich glaub bei der nächsten pl0gbar sollten wir das Thema mal vertiefen. Ich rede lieber das schreiben ist nicht meine Welt (ich nenne es faulheit).

    Guido

    This comment was originally posted on 20080905T14:05:42

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