Um Gazprom drumherumm nach Norden? Feststecken im Fluss.

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Nachdem wir ausser Sichtweite der Gazprom-Schranke sind, überlegen wir uns nochmal genau, ob wir nach Yugorsk (Югорск) wollen.

Nö.

Eigentlich wollen wir nach Svetlyy (Светлый) und von da nach Khulimsunt (Хулимсунт). „Mein Navi wollte eh vor 10 km rechts abbiegen“. Ein bisschen Kartenstudium später zeigt sich: die gut ausgbaute Trasse ging etwa 30 Kilomenter zusammen mit der „offiziellen Strasse“, die knickte aber dann nach Osten ab, während die Trasse auf der wir unterwegs waren gradeaus weiter ging. „Ich hab da auch einen Waldweg abzweigen gesehen!“

Bingo! Das ist unser Weg an der Schranke vorbei.  Also 10 km zurück – auf der Piste ist inzwischen was mit Ketten lang gefahren, die Spuren rumpeln ein bisschen – links abgebogen und erstmal „Frühstückspause“. Wir waren ja für unsere Verhältnisse recht früh los gefahren.

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Wir bewundern die Natur und die Müllmengen, ohne die in Russland scheinbar irgendwas fehlt. Unsere Strecke ist ein Sandiger Waldweg mit gelegentlichen grossen Pfützen. Das Aufregenste sind sicher die gelegentlichen, vielleicht 40 cm dicken Pipeline Rohre, die quer zur Trasse gehen, um Wasser von links nach rechts oder umgekehrt zu leiten. Da kommt man aber erstaunlich gut ‚rüber, auch wenn es dramatisch aussieht.

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Die Strecke vergnügt uns wieder mit Schildern wie „Vorsicht gefährliche Kurve“ und dergleichen.

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Nach einiger Zeit hatten waren wir wieder mehr auf einem Knüppeldamm, als auf einer Piste unterwegs. Aber eine Stromleitung führte parallel und wir waren guten Mutes.

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Immer mehr kamen wir allerdings zu dem Punkt, dass da nicht mehr Stämme im nassen Boden lagen, sondern dass da Stämme im Fluss schwammen …

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Nur 8 Kilometer, nachdem wir von der Pipelinetrasse abgebogen sind, wird es schon sehr sportlich: sie Stämme versinken ganz im Wasser wenn man drüber fährt und ploppen lustig hoch, wenn die Räder drüber weg sind. Bei den Stämmen, von denen die Vorderräder runter sind, scheppert das nicht ganz so lustig. Je nachdem, verkanten sich die Strämme auch mal und springen zur Seite weg, wenn ein Rad früher runter kommt.

Aber vor allem schiebt man eine immer höhere Bugwelle aus Stämmen vor sich her. Wenn die dann man an ein Bisschen Untergrund hängen bleiben, muss der Wagen über einen Stapel Bäume klettern.

Der Bedenkenträger in mir denkt sich schon – wie sollen wir da rückwärts drüber kommen? Oder nach Starkregen?

Der Unimog kämpft sich irgendwie durch, bis mal wieder sowas wie fester Untergrund kommt, obwohl wir auch da schon Baumstämme sortieren müssen. Hatten wir ja schon auf dem Weg nach Khumilsunt gemacht. Wir behalten sogar trockene Füsse dabei.

Dann bin ich dran. Ob’s am mangelnden Entschlussmut des Fahrers, am schon aufgewühlten Boden oder am Schlechtwegefahrzeug lag … jedenfalls stecke ich kurzum fest.

Vorwärts geht nicht, weil ein Stamm vor den Vorderrädern liegt, den ich nicht hoch komme, weil ich hinten im weichen Sand im Wasser stehe, wo es kaum Traktion gibt (und ich ja nur die Mittelsperre habe).

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Rückwärts geht es nicht, weil ein Stamm hinter dem Kühlerschutz klemmt, der am Stamm vor meinen Rädern klemmt, der an einem Stamm halb unter meinen Rädern klemmt. Obendrein klemmt ein Stamm schräg hinter meinen Rädern.

Also erstmal die Stämme weiter Vorne weggeräumt und den Stamm der schräg steckt abgesägt, so dass man mit dem Rad dran vorbei kommt.

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Leider war alles vor dem Auto zu verkeilt, um den Stamm, der am dem Kühlerschutz fest hing, weg zu bekommen. Aber mit etwas Mühe konnte ich auf den ersten Stamm fahren und somit bedeutende Teile des Wagens aus dem Wasser heben und entlasten.

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Weiter Vorwärts hätte mich aber direkt in die nächste Klemme gebracht. Und hinter dem Stamm, wo ich nun drauf stand hatten sich die Räder schon tiefe Löcher in den Sandboden gegraben. Luft ablassen war keine gute Idee, denn dann wären die empfindlichen Komponenten noch tiefer gekommen. Ich sah mich schon mit abgerissenem Kühler.

Nach einem untauglichen Versuch mit einem Hebekissen – unter Wasser sind die nicht gut zu positionieren – und mit Kanthölzern in dem Sandloch (kaum zu positionieren) kam die rettende Idee: Wir legten je ein Hebekissen in die Kuhle unter den Reifen, fuhren dann drauf, füllten die Kissen ganz.

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Jetzt stand der MAN-Laster so, dass wir davor einen Teil der problematischen Baumstämme wegrämen. Dazu noch die Reifen auf 2 bar runter. Die Hebekissen ganz voll, damit ich berg ab zum Schwung holen fahren konnte.

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Und dann ab zurück auf „festen Grund“. Die Hebekissen tauchten fröhlich auf, mein Blutdruck sank wieder auf ein erträgliches Mass. Uffff!

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Für mich war es damit emotional mit der geplanten Uralquerung vorbei. Zu viel an die Grenzen von Mensch und Maschine gegangen. Alle Einheimischen hatten uns gesagt, da käme man nicht lang. Wir hatten es trotzdem versucht. Aber von Autoversenkabenteuern hatte ich jetzt auch erstmal genug.

Ich reise ja gerne heim, wenn ich fühle, dass jetzt genug getourt ist, und dieser Punkt war jetzt erreicht. Günni war nicht allzu schwierig davon zu überzeugen, dass es jetzt genug sei.

Aber erstmal mussten wir sein Auto drehen. Auf den Stämmen ging das ganz sicher nicht. Also erstmal weiter nach vorne wandern.

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Irgendwo findet sich etwas, das tragfähig genug sein sollte und ein beherztes Wendemanöver erlaubt.

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Nach passieren der Problemstelle mit relativ wenig Baumstamm sortieren vorwärts nehmen und wir stehen Schnauze an Schnauze.

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Ich fahre einen Kilometer Rückwärts und traue mich dann auch zu wenden. Zwei Pausen um trockene Sachen anzuziehen.

Die 150 km Rückfahrt nach Yugorsk verlaufen relativ harmlos. Das aufregendste ist ein liegengebliebenen Bagger.

Siehe auch Track bei wikiloc.

Gefangen in Gazprom-Land

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DSC00270Nach dem Flop nördlich von Agirish (Агириш) sahen wir noch einen anderen Weg, nach Khulimsunt (Хулимсунт) zu kommen: Von Punga (пунга, wohl ehr ein Fluss, als ein Ort) westlich von Svetlyy (Светлый) geht eine Pipeline Trasse direkt nach Khulimsunt. Da führt auch irgendwie eine Strasse hin, also auf bis zur Kreuzung, wo wir von der Nord-Süd Betonpiste nach Westen Richtung Agirish abgebogen waren!

Da war irgend ein Schild, dass auf den kommenden 40 km? oder in 40 km? Ach egal! Also auf Betonplatten ins Abendrot geritten. Auf OpenStreetMap (OSM) heist die Strasse „Avtozimnik Sovetsky – Igrim“. Klingt doch gut. Sovetsky (Советский) ist der Nachbarort von Jugorsk, wo wir herkommen. Igrim ist fast da, wo wir hin wollen. „Avtozimnik“ bedeutet … ach, egal!

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DSC00264Im Dunkeln kommen wir an einer Gabelung an. Den Plattenweg weiter gradeaus scheint ein Wachposten zu sein. Da wo es auf Schotter weitergeht ist eine offene Schranke und ein grosses Schild. Huch hier geht ja Internet und damit Google Translate.

DSC00263Derweil schaltet der Wachposten scheinbar schon seinen Suchscheinwerfer ein. Irgendwie sollten wir ja gar nicht hier sein. Wir fühlen uns extrem unwohl. Dann eben nicht! 120 km zurück nach Jugorsk! Hmm. Irgendwie sind wir heut Abend beide hasenfüssig drauf.

Erstmal die Autos unauffällig abstellen und zu Fuß zum Posten.

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Da stellt sich raus: das ist kein Suchscheinwerfer, sondern eine bessere Strassenlaterne mit Zeitschaltuhr. Das Tor ist nur angelehnt, führt zu ein paar Wohnblöcken und davor stehen ein paar Privatwagen. Scheinbar geht uns die übliche lockere Art heute etwas ab.

Entspannt zurück zu den Autos. Plan: wir übernachten hier. Morgen ist Sonntag. Wir fahren vor Tag und Tau die „verbotene Strasse“ hoch bis Punga.DSC00281 Bevor irgendjemand richtig wach ist, sind wir längst da. 2-3 h Fahrzeit, also um 6:00 los. Oder doch lieber um 7:00, man soll nicht übertreiben. Also ein Stück zurück an einer Abzweigung, die wir definitiv nicht fahren wollten und da Nachtruhe. Ich verlange ordentlich zu parken, damit es offiziell aussieht. Günni lacht mich aus, macht aber mit.

Es fahren allerlei Autos vorbei, die wir geflissentlich ignorieren. Muss an meiner Parkstrategie gelegen haben.

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DSC00280Am nächsten Morgen geht es ungewohnt früh, das heist nahezu pünktlich los. Wir lachen uns tot darüber, das wir uns am Vortag von diesem „Wachposten“ haben ins Boxhorn jagen lassen. Die Piste ist ziemlich ok, lässt sich schnell fahren und bietet allerlei Ausblicke.

Den gelegentlichen Hubschrauberlandeplatz mit eingeschalteter Flugfeldbefeuerung.

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Furchterregende Auswaschungen rechts und links.

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Aber die Strasse ist fast immer in Top-Zustand.

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Ein Grossteil der Piste ist auf einem Kunststoffgeflecht errichtet, was scheinbar Schlaglöcher und Bodenwellen nahezu komplett verhindern kann. Ein ganz ungewohntes Reisegefühl.

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Als Gegenverkehr kommen jede Menge normale PKW und einiges an schwerem Gerät entgegen.

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Dann wird es plötzlich belebt. Links ein riesiges Dorf aus mindestens 50 Baubuden – ob da die Reisebusse her Stammen, die uns kurz hinter Jugorsk entgegen kamen?

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Rechts eine grosse Pipeline Baustelle.  In der Mitte ein LKW-Friedhof mit verschiedenen Verfallszuständen. Oder ist das eine Freiluftwerkstatt?

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Und etwa hundert Meter weiter

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… ein Schlagbaum. Während wir eine viertel Stunde versuchen zu entziffern, was da steht (zuhause rausgefunden: „Zeit wann man durchfahren kann: morgens 8-8.30, abends 20-20.30″ „Durchfahrt nur gestattet wenn von Chef genehmigt“). Der Schlagbaum ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Umfahren geht auch nicht, waren keine Stümper, die den installiert haben.

Dann kommt ein Sicherheitsmensch mit einem schicken Lada Niva Pickup angefahren.  Er legt den Schlüssel vom Vorhängeschloss auf die Motorhaube und will unsere Passierscheine noch eben sehen, bevor er uns durch lässt.

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Es dauert einige Zeit is er begreift, das wir die gewünschten unterlagen nicht haben. Wo wir denn hin wollen? Auf das bin ich vorbereitet.

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Khulimsunt kommt man hier nicht lang. Igrim und Svetly auch nicht. Punga schon, aber nicht ohne Permit. Von Igrim (Игрим) gibt es keinen Weg nach Khulimsunt. Von Punga schon, aber den kann man nur im Winter fahren. Jetzt käme man nur mit dem Hubschrauber nach Khulimsunt. Scheinbar ist von hier weder ein Durchkommen zum mächtigen Strom Ob richtung Priobje (Прио́бье) im Osten noch zum Ural im Westen.

Er funkt viel hin und her. Irgendwann ist tatsächlich jemand am Telefon, der deutsch mit uns spricht. Unglaublich. Was wir denn da vor hätten. Tourismus? Warum um Himmels Willen? In Punga gäb es rein gar nichts zu sehen, das sei ein Dorf und obendrein eine reine Company-Town.

Zwischendurch Gegenverkehr: Ein Hoffnungsschimmer?

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Nach vielen Verbindungszusammenbrüchen ist klar: Wir dürfen nur mit Permit hier lang nach Punga, das gibt es nur in der Gasprom/Transgas Zentrale in Jugorsk, 160 km zurück. Es würde auch nicht einfach das zu kriegen. Punga sei obendrein eine Sackgasse.

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Wir sind etwas geknickt. Was uns aber sprachlos macht, ist die Mühe, die sich gegeben wurde, zu verstehen was wir wollen und uns einen Weg zu finden, das zu erreichen. Die Situation war die ganze zeit sehr freundlich und kein bisschen bedrohlich. Man hatte das Gefühl, das es am Ende allen leid tat, uns nicht so recht weiter helfen zu können.

Hilft alles nicht, wir fahren zurück durch den LKW-Friedhof nach Süden. Aber das sollte nicht das Ende sein.

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Siehe Track bei wikiloc.

Dies ist kein Weg nach Хулимсунт

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Nach einem ereignisreichen Tag und einer feierlichen Nacht war es spät in’s Bett gegangen und wir wurden vom Klang von Regen eingeschläfert. Viel Regen. Aber wir standen ja auf einer Kuppe.

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Am nächsten Morgen war ich doch etwas überrascht: ein Großteil unserer Reifenspuren war verschwunden und die Fahrbahn hatte in weiten Teilen eine ganz neue Decke aus Schwemmsand bekommen. War das ein gutes oder schlechtes Omen?

IMG_9809Erst mal meine Reservekarkasse neu befestigen – das war alles etwas lose gerüttelt. Dafür sind LKWs mit Motorhaube also!

 

Schaun wir mal, wir sind guter Dinge und wollen weiter nach Khulimsunt (Хулимсунт). Ich komme meiner Aufgabe als der Besorgte nach und berichte dass mien Studium von Google Terrain ergeben hat, dass wir zwei von insgesamt zehn fälligen Flussquerungen erledigt haben. Wird schon irgendwie gehen.

Irgendwann kommt ein grosser Platz. Hier wird wohl öfters ein Lager aufgeschlagen. Von Holzfällern? Von Jägern? Da liegt auch ein Riesengerät, das scheinbar aus einer Raupenkette, zwei Stahlrohren und etwas Stahltrosse konstruiert ist. Ich vermute, das wird zum „Abziehen“ der Piste verwendet, aber Günni will das nicht so recht glauben. Wer weiss?

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Nach dem Platz wandelt sich die Sandpiste in eine Erdpiste. Scheinbar gibt es unter der Piste auch keinen Knüppeldamm mehr. Aber alles zu fahren.

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Die Auswaschungen sind allerdings zum Teil monumental.

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Dann kommt er irgendwann: der auf voller Breit zerwühlte, lange Berg. Scheint jede robuste Waldpiste weltweit zu haben. Naja. Schwung und los!

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Hier sind die Furchen aber so, das auch die Portalachsen vom Unimog an ihre Grenzen stossen. Der Untergrund ist weich und glitschig und die Auswaschungen müsste man zum Teil erst zuschütten. Spuren zu wechseln geht auch nur zuverlässig unter Einsatz der Schaufel. Der Unimog mit Günni kämpft sich ein Stück hoch aber locker fahren ist anders. Irgendwann liegt auch noch ein beachtlicher Baum im Weg.

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Ich hab nicht so recht Lust. Nur mit Mittelsperre, ohne Portalachsen. Noch 8 Flüsse und 120 km oder so bis Khulimsunt. Das wird bestimmt nicht besser. Pure Spekulation meint Günni. Stimmt. Aber wenn das so bleibt, wie dieser Berg, brauchen wir sicher zwei Wochen für die Strecke. Die optimistischeren unter uns meinen Hinter dem Berg wird alles besser. Jajabestimmt.

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Nach einem heldenhaften Scout-Trip zu Fuss steigt die durchschnittliche Umkehrbereitschaft in der Gruppe beachtlich. Aber erstmal den Unimog wenden.

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Leichter gesagt, als getan auf dem Untergrund. Irgendwie klappt das und wir merken mal wieder: Zurück geht eigentlich immer besser, als es hin geht.
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Wir schauen uns noch mal den Platz an, an dem die Piste so erheblich schlechter wurde.

Vom Plumsklo bis zur Hundehütte findet sich hier allerlei. Wer hier wohl lagert? Auf jeden Fall wurde hier auch umfangreich Waldwirtschaft betrieben.

Zurück meistern wir das Pipeline Rohr und die halb weggespülte Brücke souverän. Zeit für Fotos.

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Soll das Schild an der Brücke sagen, dass der Fluss mit 100 m^3/s daher kommt?

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Jedenfalls hat der Regen der Nacht der Konstruktion weiter zugesetzt: wir sind zwar entspannter, aber der Untergrund deutlich nachgiebiger.

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DSC00232DSC00233Aber ‚rüber kommen wir trotzdem. Jetzt wird es richtig voll: Ein Holzlaster kommt uns entgegen und eine Jagdgesellschaft brutzelt irgendetwas duftendes über dem Feuer. Wir gelangen wieder am absoluten Endpunkt der Bahnlinie vorbei zurück nach Agirish (Агириш).

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In Agirish waren wir gestern Mittag ja schon in der Gegenrichtung durchgekommen. Komisches Kaff. Endpunkt einer Bahnlinie und wohl Knotenpunkt der Holzwirtschaft.Diesmal kreuzen wir etwas mehr durchs Örtchen als auf dem Hinweg. Autowracks in den Strassen.

DSC00245Wir machen am Bahnhof Halt. Hier kommt sogar zwei mal ein Zug. Aber pro Woche? Pro Tag? Pro Monat?

Auf jeden Fall gibt es wieder Mobilfunk und wir können unseren Lieben berichten. Das erste Mal sind Kinder ein bisschen lästig. Nachdem ich sie in die Fahrertür gucken lasse, versuchen sie von Aussen in die Beifahrertür zu steigen (war aber abgeschlossen) und sind auch sonst nur noch mit viel Mühe vom Laster fern zu halten.

Dann eben weiter Richtung Igrim (Игрим)!

 

Brücken bauen nach Kulimsunt

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Nach einer weiteren Nacht in Ivdel wollten wir endlich den Bogen nach Norden schlagen. Tanken bei LUK Oil mit allgemeiner Bargeldverwirrung. Auf wunderbarem Asphalt, auf dem einem 85 km/h fast zu wenig vor kam, ging es nach NOO Sovetskiy (Советский) – da endet die Strasse im Grunde und es geht nur noch mit einer Bahnlinie weiter.

An der Republikgrenze Svedlovsk/Khantia-Mansia wird die Strasse sofort bedeutend schlechter. Aber zunächst werden wir von einem “Posto die Blocko” rausgewunken. Nix passiert. GSL weisst mich darauf hin, das man hier zum Polizisten geht und nicht umgekehrt. Ich packe also Pass, Fahrzeugpapiere, Grüne Versicherungskarte etc. und ab zum Offiziellen. Ich hab inzwischen schon gelernt, dass man solche Treffen sehr verkürzen kann, wenn man direkt das russische Visum aufschlägt. Dann gibt es was in Kyrillisch zu lesen und die Staatsmacht muss nicht so tun, als würde sie meinen Pass lesen und verstehen können. Ob ich Russisch könne. Ich rede auf Deutsch auf ihn ein, “Camping Car”, “Turist”, “Kirow”, “Man PuPu Ner”, “Tourist”, “Camping Car”, “Ural” …

Er versucht noch ein paar fragen auf russisch und drückt mir dann entnervt den Pass in die Hand. Ich soll mich trollen. Gerne doch. Bei GSL schaut er nur noch der form halber rein, als auch der den dummen Touri raushängen lässt.
Wir sind schon einige Kilometer weiter westlich von Sovetski in Yugorsk (Югорск) aufgelaufen. Erstmal Wasser fassen. Die erste Tanke gefällt uns nicht – eigentlich wollen wir was mit reingehen und kleinem Shop, nicht nur einen Bankschalter in der Wand.
Auf dem Weg vom Grundstück der Tankstelle fällt GSL eine blitzsaubere, brandneue Halle auf, in der Autos gekärchert werden. Erst sind die Jungs sauer, dass wir ihre einfahrt versperren, dann geben sie uns bereitwillig Wasser – auch wenn sie noch nit wissen, das wir 600 l bunkern werden. Der Gardena-Gummi-Adapter wirkt wieder Wunder. Ich soll doch näher ran fahren.

Dann entspannt sich ein Palaver: Der eine will 100 Rubel gegen Euro tauschen. Ich gebe ihm einen 5 Euro Schein dafür. Autos begutachten. Fotos auf dem Fahrersitz. Nach einer gewünschten Besichtigung herrscht betretene Stille: die Jungs haben vermutlich kein Klo mit Wasserspühlung und auch nicht zwingend fliessend Wasser zuhaus. Landkarten anschauen. Wohnort erklären. Über Bären im Wald reden (hier soll es viele geben). Kiefernzapfen anschauen und und und. Wir sind da auch in einer Zwickmühle: eigentlich wollen wir die Jungs nicht von der Arbeit abhalten, aber wenn der Kärcher an ist, kommt kein Wasser im Auto an …

Ich nutz die Wartezeit noch um nach meinem oberen Reserverad zu schauen – so eine Karkasse ohne Felge rüttelt echt alles los. Dann lassen wir 300 Rubel für das Wasser da und machen uns davon noch eine schöne Tanke zu suchen.
Jugorsk ist blitzblank mit vielen neuen, schicken Gebäuden. Später, als uns in der Pampa ständig Reisebusse entgegen kommen, vermuten wir dass Yugorsk eine Schlafstadt für Arbeiter in Wochenschicht auf den Öl- und Gasfeldern beziehungsweise deren Familien ist. Bestimmt gibt es da ein recht ausgeprägtes Nachtleben.
Wir interpretieren das Schild it dem schwarzen Kastenwagen im roten Kreis wie üblich als “Gewerblicher Güterverkehr verboten” und fahren auf der Suche nach einer schönen Tanke durchs Stadtzentrum. Ein seltsamer Bahnhof mit einem Denkmal von Dampflokomotive davor. Mit rotem Stern. Fototermin.


GSL meint die Polizei/Miliz/Sonstige Staatsmacht wäre so ungewöhnlich handzarm. Kaum fixe Kontrollposten, keine Radarkontrollen, keine Polizeiautoatrappen. Bei seiner letzten Reise durch die Ex-Sowjetunion hätte er bei einer Aktion wie dieser – LKW auf dem Bahnhofsparkplatz direkt einen Kontroletti an der Backe gehabt und täglich ein halbes duzend Ausweis- und Verkehrskontrollen an der Backe gehabt. Was ist hier los?
Durch Neubaugebiete mit 10stöckigen ganz manierlichen Wohnblöcken, an einem Kampfjet-Denkmal irgendwann eine Tanke gefunden. Die hatte zwar ein Häusschen aber da drin einen bankschalter und man musste am Automaten bezahlen. GSL hat voll gemacht, mir war das zu kompliziert.
Wir sind etwa bei 61.2N, 63.4O, dem östlichsten Punkt unserer Reise – nun gen Norden!
Am Kreisverkehr ist unsere Strasse durch eine Baustelle versperrt – das Schild heist recht deutlich “links vorbei fahren” Bleibt aber nur der Seitenstreifen zum Vorbeifahren. Irgendwie haben wir das nicht gemacht, wir gewünscht: ein Bauarbeiter kriegt beinahe einen Blutsturz und brüllt uns wild gestikulierend Verwünschungen nach.
Betonplatten. Dei sind in erstaunlich gutem Zustand, kaum eine gebrochen. Aber manchmal schaut die Armierung raus. Drei Betonplatten nebeneinander a ca. 2m Breite, das ist nicht viel bei Gegenverkehr. Irgendwann sind es nur noch zwei Platten nebeneinander. Da muss man auf jeden Fall mit einem Rad auf den Seitenstreifen, wenn Gegenverkehr kommt – ausser es kommen Sattenzugmaschinen: die trauen sich scheinbar nicht von den Platten und bestehen darauf, dass der Gegenverkehr komplett von der Betonpiste weicht.
Es kommen uns allerlei Reisebusse entgegen und die seit einiger Zeit immer üblicher werdenden Transporte, die man wohl unter “Oil Field Exploration” zusammen fassen kann.

Immer wenn ich mit den rechten Rädern auf die Piste zurück klettere frag ich mich, ob da nicht ein Armiereisen ungünstig aus der zerbröselten Kante raussteht – aber scheinbar sind die Kanten mit Bedacht weniger armiert.
Zwischendurch zieht schweres Wetter auf, aber ausser ein bisschen Wind und dickem Regen kommt nicht viel – ausser ein Temperatursturz von 28 auf 18 Grad.
Wir biegen nach Westen ab Richtung Agirish (Агприш) ab. Da ist die Strasse wieder drei Betonplatten breit. In Agirish endet die Eisenbahnlinie. Wir finden einen riesigen Holzverladebahnhof. Seit Serow scheint Holzwirtschaft die einzige Landwirtschaft zu sein. Selbst die Wartungshallen für die Maschinen sine riesig.
Dafür haben beide Tankstellen am Ort geschlossen. Die eine sieht dabei wenigstens romantisch aus.

Kaffeepause im Sturzregen. Wie weiter? Wir wollen nach Hulimsunt (Хулимсунт) etwa 120 km weiter NO. Da gibt es eine Gaaanz kleine Linie bei Google und Openstreetmap – und 10 Flussquerungen. Zwischen Holzstämmen im modderigen Sand suchen wir erstmal den Zustieg. Irgendwann haben wir die richtige Route, aber die ist schwer bis gar nicht befahrbar. Da brauchen wir eine Woche für die 130 km.


Es findet sich eine Umfahrung. Eine etwa 15 m breite auf Holzstämmen aufgeschüttete Sandpiste zieht sich durch die Taiga. Rüttelt und schüttelt zum Teil sehr und hat auch durchgeweichten Weichsand, aber OK. Rechts und links sind zum Teil riesige Entwässerungsgräben ausgehoben.


Es gibt sogar Schilder wie “Fahrbahnverengung”, “12 % Steigung” und “Vorsicht gefährliche Kurve”. Mit unseren vielleicht 25 km/h bemerken wir die Kurve kaum. Mit was für Tempo Brettern die hier durch?



Es regnet muter und die Piste wird schnell weicher. Irgendwann Ölfässer, ein fettes Dieselaggregat, was eine Baubude mit rotem CEE Stecker mit Strom versorgt. Drinnen Licht und Gesichter hinter dem Fenster. Keine Maschinen, keine Baustelle, kein Fahrzeug, kein gar nichts. Was machen die Hier? Die Gesichter in der Bude denken sicher das gleiche von uns, aber keiner der Beteiligten hat Bock bei dem Regen vor die Tür zu kommen. Also weiter!
Bei dem Tempo sollten wir morgen Nachmittag in Kulimsunt ankommen. Wir wollen bis zum Einbruch der Dunkelheit fahren oder sogar vielleicht in bisschen länger. Die Strecke ist breit und kurvenarm trassiert, es liegt Praktisch nichts im Weg, es schaukelt halt nur bei Bodenwellen und spritzt bei den riesigen Pfützen. Bei ein oder zwei stellen ist der Unterbau freigespühlt und wir müssen über Baumstämme hoppelm – nix was wir nicht schon in schlimmer kennen.

Dann eine Brücke aus Pipelinerohren, die von ihren Wiederlagern gespült wurde. Die sand decke ist zum Teil über einen halben Meter weg gewaschen. Zwischen den Rohsegmenten klafft eine Lücke.


Wenn wir da mit dem Rad reinrutschen sitzt der Laster auf und das gibt eine lästige Bergung. Immerhin sollte nichts kaputt gehen – ist ja nur Sand. Mit Einweisen kriegen wir das erste Fahrzeug erst über das Südende der Brücke und dann auch über das schwierigere Nordende der Brücke, aber es hat den Sand weiter weggedrückt als es rechts hinten ausgebrochen ist. Für den zweiten wird es noch ein bisschen haariger, aber geht dann.

Nicht viel weiter ist ein Pipeline Rohr, das ein Flüsschen aufnehmen soll. Der überdeckende Sand ist aber komplett weggespühlt. Wäre eine schöne Furt, wenn das Rohr nicht im Wege wäre.


Rechts und Links vom Rohr hat deswegen jemand etwa 50 Fichtenstämme hingeworfen. Als der Unimog ein Rad vor und eins hinter dem Pipelinerohr hat, beginnt er die Stämme nach vorne und hinten zu schaufeln. Irgendwann ist der Bach vom Unimog fast auf dem Rohr, und die Räder davor und dahinter in eine Kuhle in dem Stammhaufen. Die glatten, nassen Stämme bieten keine Grip. Dazu rutscht der Unimog beim Gas geben auch noch talswärts von der Konstruktion runter. Also Stämme umsortieren, Luft aus den Reifen (1.6 bar), Mit sand und steinen den Grip der Reifen auf den Stämmen und der Stämme untereinander erhöhen. Alles in der Abenddämmerung, bei etwa 200 % Luftfeuchtigkeit und umtanzt von Millionen von Mücken. Geregnet hat es glaub ich auch.
So vorbereitet klappt es schon besser. Noch mal Stämme sortieren und Sand und drüben sind wir. Derweil hab ich angefangen bei mir mit dem Druck runter zu gehen (2 bar). Wir sortieren noch mal Stämme. GSL schaufelt Fahrspuren aus Sand. Mittlere und Hecksperre rein (bin nicht sicher, ob die rein geht) und dann im 1 Gang (ohne Untersetzung, verklickt) einfach so drüber gefahren.
Inzwischen sieht man kaum noch was. Wir packen unser Werkzeug zusammen – die Waschschüssel hat zum Sandtransport tolle Dienste geleistet – und übernachten auf der nächsten Anhöhe.


Ich fühle mich als hätte ich keinen trockenen Fetzen am Leib. Man stink ich! Erstmal heisse Dusche. Stinkt immer noch. Bett neu bezogen – gestern nacht war es super heiss. Immer noch. Hmm. Die Socken auf der Leine. Die hatte ich einen Tag mit Persil in der “Offroad Waschmaschine” (Weithalstonne mit Wasser, die vom Gerüttel durchgeschüttelt wird) und einen Tag mit klar Wasser zum Spühlen in der Tonne. Das Ergebnis ist gräuslich. Die Dinger stinken schlimmer denn je. Ich überlege sie einfach raus in den Regen zu hängen, will aber wegen Mücken nicht die Tür öffnen. Also Handwäsche.

Dann rüber zu GSL – seit Auto ist unser offizieller Pub. Wald, Arbeit, Kerle (nicht mer stinkend immerhin). Da folgt deftiges Essen und Bier. Wobei die Vorspeise (Back-Camenbert) so mächtig war, dass der Nachtisch ausfallen musste.
Wir vertreiben uns die Zeit mit Mückenjagsd- hier gibt es die fiesen Biester, die so klein sind, dass sie durch die Mückennetze passen. Wenn man sie erwischt kommt da aber erstaunlich viel Blut raus. Immerhin sind die kleinen Teufel viel langsamer als die Norm-Mücke.
Gegen 03:00 ging es für mich nach Hause. Hatte aufgehört zu regnen. “Schau mal, hier wird es gar nicht richtig dunkel” “Mag sein, aber was Du da siehst, ist das es hell wird!”

Zurück von Man PuPu Ner

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Von unserer Rückfahrt nach der Umkehr samt obskurer Kontrolle gibt es bei guentersleben.de zu lesen.

Von Ivdel Richtung man PuPu Ner bis es nicht mehr geht.

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Unser Weg durch Serow über Landstrassen und dann von Ivdel aus  aus der Zivilisation nach Norden über üble Pisten bis zur Umkehr. Zu lesen bei Günther.

Serow

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Von unserem netten Strand-Standplatz sollte es gen Norden nach Ivdel (Ивдель) gehen. Das Gemeindegebiet (oder ist das ein Verwaltungsbezirk? Keine Ahnung) von Ivdel geht bis weit hoch in den Norden – da wo unser Weg zu Man PuPu Ner lang gehen sollte.

Aber vorher kamen wir durch Serov (Серов). Grosse Stadt, da wollten wir eine Internet-SIM Karte und eine Landkarte kaufen, essen und schauen, was die Grosse Stadt uns sonst noch so zu bieten hat. Irgendwo auf der Hauptstrasse gewendet und ein paar hundert meter vom zentralen Platz geparkt. Mächtige orthodoxe Kirche.


Viele Geschäfte erkennt man von aussen kaum – man muss durch Hausflure oder Kellertreppen hinunter und findet dann auch oft top eingerichtete Geschäfte. Gerne teilen sich auch mehrere Geschäfte einen Eingang, man muss durch ein Geschäft in das andere oder es gibt Mini-Malls. Fündig sind wir jedenfalls nicht geworden. Von den auf dem Plan eingezeichneten Buchläden haben wir nur einen gefunden und der war eine Beurkundungsstelle oder sowas. Pizza oder Burger wollten wir nicht und alle anderen Restaurants hatten zu.


Dann eben Kekse und Süssigkeiten aus einem der zahlreichen Fachgeschäfte dafür und weiter nach Ivdel.

In Ivdel fand sich direkt nach der Brücke über den иеъель ein Supermarkt und ein Restaurant (Кафе, Kafe). Der Supermarkt hatte schon zu.

Das Restaurant war wohl eigentlich als Baar für Tanzveranstaltungen genutzt. Die dame hinter der Bar musste erst mal aufgeweckt werden – ich wäre vermutlich schon weggewesen, wenn GSL nicht insistiert hätte. Das muss so. Ohne Nachhaken kriegst Du in diesen Ländern nix zu beissen, das ist hier keine Dienstleistungsgesellschaft.
Die Karte war von Hand geschrieben für das unsere mageren Kyrillisch Kenntnisse nicht ausreichten. Am Ende bestellten wir alles, was wir auf Russisch sagen können. “Botscht, Goulash, Kartoschka”. Kusok (Кусок) gab’s auch dazu, was wohl Brotscheiben bedeutet. Was dazu gelernt. Bier konnten wir uns aus den Kühlschränken mit Glasfront am einfachsten aussuchen. Essen in unwirtlicher Atmosphäre im Neonlicht. Ich dachte zwischenzeitlich, es gäb noch zwei andere Gäste, aber das war nur der Patrn und die Bardame. Für etwa 350 Rubel sind wir satt geworden.
Draussen strichen Uniformierte um unser Auto, aber als wir die ignorierten beschlossen sie wohl auch uns zu ignorieren. Wir haben dann neben dem Zentralen Platz geparkt, da hatte ein Magazin Tante-Emma Laden noch offen und dann hatten wir eine wunderbar ruhige Nacht im Zentrum. Dafür ging es morgens am 7 auf dem Parkplatz rund. Wie von GSL gefordert, gab es zu unserer Abreise zwischen dem Lenin-Denkmal und dem Kriegsdenkmal auf dem Platz Fahnenschwinger und Parade.
Unser abendlicher Spaziergang zeigte noch drei Jugendliche, die einem Auto 200 verschiedene Alarmanlagentöne entlockten und das auto versuchten bergab in einer Sackgasse anzuschieben. Bis sie eingeklemmt zwischen zwei Häusern und einer Betonbarriere standen. Keine Ahnung, was die vor hatten.
Wie immer tagsüber über 30 grad, abends angenehm. Mücken gab es in der Stadt auch nicht so viele.

Wegweiser nach Man PuPu Ner

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Leute, die sich ganz sicher waren, dass man zu den Steinriesen fahren kann. Zu lesen bei Günni.

Perm-36 – das GULAG Museum

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Nachdem wir so erfolgreich eingekauft hatten, stach mich dann doch der Hafer. Ruhetag schön und gut, aber zwei mal n gleichen Ort übernachten? Ich hatte *Perm-36* im Kopf, das GULAG Museum – angeblich eine der letzten erhaltenen Strafkolonien.

Wo liegt das denn? Angeblich schwer hin zu kommen! Besser ne Tour von Perm aus buchen! Klingt wie ein Ziel für uns. Nach eingem Gesuche wissen wir: Das Lager liegt nur knapp drei Kilometer von unserer geplanten Route ab. Warum nicht heute noch hin? Verkürzt die morgige 700 km Etappe auf 500 km.

Also los. Konvioi fahren und zwischendurch eine Frittenbude. Gegen Mitternacht kommen wir an dem Arbeitslager an. Es ist an der Hauptstrasse ausgeschildert und eine frisch asphaltierte Strasse führt hin. Angekommen stehen wir vor einem Gefängniszaun aus Brettern und einem Stahltor. Hmmm. Davor übernachten?

Ach um die Ecke ist der Haupteingang. Alles großzügig angelegt und wir positionieren uns direkt vor der Tür.

Bischen gespenstisch ist es schon. Ein Quietschen, wie aus dem Geisterschloss. Eine Gestallt kommt aus dem dunklen Gebäude. Zigarette. Hat nix dagegen, wenn wir hier übernachten. Gut.

Morgens bloggen, chillen. Irgendwann kommt GSL vorbei, was denn mit Frühstück sei? Wie inzwischen üblich Frühstücken wir bei mir. Ich noch im Bademantel.

Im Internet hatten wir gelesen, das Museum sei dem GULAG-Gedenkverein abgenommen worden, die Öffnungszeiten seien unklar und irgendwelche Nationalisten würden da jetzt mit neuem Konzept “die Verdienste der Straflager für den Sieg im grossen Vaterländischen Krieg” darstellen wollen.

Die Öffnungszeiten waren angeschlagen und sehr OK, also mal rein und schauen. 600 Rubel pro Person – kein Schnapp. Ein Bulliger Sicherheitsmann begleitet uns durch die Sicherheitsschleuse und … hat eine Handy App, die uns deutschsprachige Erklärungen zu den verschiedenen Museumsteilen vorliesst. Generell waren da Experten der Museumspädagogik am Werk.

Das Lager war unter Stalin erst für die Opfer der Stalinistischen Säuberungen, später dann für Stalins Spießgesellen und dann für “politische Verbrecher”: zum teil heisst das Spionage etc, an anderen stellen straffällige Polizeibeamte etc. Das Lager war bis 1988 in Betrieb, mehrere Gebäude wurden kürzlich neu aufgebaut. Durch die lange Nutzung wurde natürlich viel überbaut und verfälscht.

Anfangs ging es vor allem um die Holzwirtschaft. Es wird erklärt, dass neben den Strafgefangenen auch sehr viele Landlose bzw. durch die Landreform enteignete in diesem Zweig gearbeitet haben. Die Holzwirtschaft sei kriegswichtig gewesen aber viele schwere Maschinen und qualifiziertes Personal seien abgezogen gewesen. Der Sieg gegen Deutschland 1945 sei auch auf dem Rücken der Waldarbeiter, die oft unschuldig unter sklavenähnlichen Umständen gearbeitet haben.

Klingt jetzt für mich nicht so schlimm geschichtsrevisionistisch. Eine Bilderausstellung von Uranbergwerken in Magadan gab es nebenan und in den Wohnbaracken Zeichnungen von Häftlingen, über Hunger und Not. Der Wohnteil des Lagers sah übrigens erstaunlich Idyllisch aus: es gab sogar eine Allee. Die sei ungewöhnlich und extra so angelegt, das man sie von aussen nicht sehn konnte. Die Zellen für verschärften Arrest sahen wie mittelalterliche Kerker aus.

Dann wurden uns noch die Besuchszellen gezeigt – eigentlich ganz Nett. Für Kurzbesuche (3h) und lange Besuche (bis zu 5 Tage) mit eigener Küche.

Sah alles nicht so schrecklich finster aus, war aber sicher auch ehr aus den 80ern, als aus stalinistischer Zeit.

Wir sind dann noch ca. 1 km weiter gegangen, wo wir schon von der Kasse telefonisch angekündigt worden waren. Das war wohl ein Lager, da komplett für verschärfen Arrest war und noch nicht als Museum umgebaut wurde.

Nach all den Besichtigungen habe ich noch den verbogenen Heckträger demontiert und die offene Steckverbindung von der hinteren Differenzialsperre mit einem Verhüterli (Condom) wasserdicht verschlossen, während GSL die Arbeiten im Liegestuhl beobachtet hat. Dann auf Richtung Ural!

Irgendwann die Grenze Europa/Asien. Fototermin. Wilde Hunde. Eltern anrufen. Schlechte Verbindung. Weiter!


GSL findet mal wider einen Strand-Übernachtungsplatz!

Konvoi Fahren

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GSL und ich haben ja schon den einen oder anderen Wochenendausflug gemeinsam gemacht. Aber noch nie mit zwei Lastern und so total harmonieren wir dann auch nicht. Ich bin mehr der Fahrer mit Hut (“warum soll ich jetzt überholen, ist doch gemütlich mit 75 km/h”) und er mehr der Fahrer mit Mütze (“bei 110 km/h schlägt der Begrenzer ja brutal beim beschleunigen zu!”).

Ich vergesse gerne mal nach einem Tempolimit sofort wieder zu beschleunigen und G. vergisst vielleicht auch mal vor ner Kurve zu bremsen.

Sich da einzugrooven und nicht auf die Nerven zu gehen ist nicht so einfach. CB-Funk klappt auch nur über kurze Distanzen, weil wir die Aussenantenne nicht nutzen können, weil der Unimog keinen 12 V Anschluss im Führerhaus hat und ohne 12 V die Aussenantenne nicht geht. Wenn ich vorausfahre, gehts besser, weil meine Festantenne über den Koffer funkt. Ausserdem sind die Batterien bei G immer leer (siehe 12 V Problematik).
(((Der Unimog hat sogar einen 12 V Anschluss, aber mit einem seltsamen 3-Pin Stecker, mit dem wir nix anfangen können.)))

Die Unimog Hupe hör ich gar nicht und GSL hört mein “Überlandhorn” auch meist nicht. Lichthupe ist Nichthupe und fällt auch nicht so recht im Rückspiegel auf. SMS geht auch nicht so ganz zuverlässig, das Satelittentelefon zickt wie immer und nur weil man viel Geld für einen Internetzugang ausgegeben hat und das Handy “EDGE” anzeigt, heist das nicht, das man auch Datenpakete in die Welt senden kann.

Inzwischen haben wir uns geeinigt: Wenn der Hintermann dauerhaft mit Aufblendlicht fährt, will er halten. Mit meiner Lichtorgel geht das gut, beim Unimog kann man Aufblend- und Abblendlicht kaum unterscheiden. Fahr ich eben hinten und GSL gibt sich mühe nicht so zu rasen.Unsere Navigationsansätze sind doch recht unterschiedlich. “Warum bist du da denn durch die Innenstadt gefahren? Bist Du nachtblind? Ist ja nicht schlimm …” – “Warum bist Du grad von der Umgehungsstrasse ab mitten durch die Stadt? Wir wollen doch vor Mitternacht …?” – “Das war jetzt genau an der Stadt vorbei, wo wir am Fluß picknicken wollten.”

Aber wir grooven uns langsam ein. Ich meistens hinten als Treibanker (ausser die Berge rauf, da als Unimog-Treiber 😈) GSL vorne als Trüffelschwein für gute Stellplätze und seltsame Imbissbuden.

So steuerte er gestern Abend (bei einer übersehenen Umgehungsstrasse) noch eine klitzekleine Imbissbude vor einem hell erleuchteten aber ehr geschlossenen Supermarkt (Mall? Whatever!) an. Dran stand was mit “23:00”) und es war kurz vor elf. Palaver mit den davor stehenden Jungens und um 22:59 trifft die Frittenbudenfrau mit einer Einkaufstüte voll Kleinkram ein. Nach viel weiterem Palaver sind wir 320 Rubel ärmer und haben zwei dicke Chicken Wraps bekommen. Dafür sollten wirins Gästebuch schreiben. Verzehr an der Stosstange, ich mit riesen Sauerrei, jemand anders ganz ohne kleckern.


Ich bin ja ganz gut im Schicke Routen, Industriebrachen Bohrtürme, Museen und so instinktiv finden. Aber wie GSL Schlafplätze und Essensgelegenheiten findet, versetzt mich immer wieder in erstaunen.

Das wir da sehr unterschiedlich ticken merkt man auch immer an den Gesprächen am Abend. “Hast Du den Mobilen Bohrturm gesehen?” – “Nee, nur die Pipeline-Baustelle” – “Das waren vier!” – “Viele Kinderwagen in Perm” – “Ich hab nur die Raketenfabrik gesehen” – “Hä? Vor oder nach dem Park?” – “Welcher Park?” usw.?

Auch abzustimmen, wie viel man fahren will und kann ist was, wo man sich eingrooven muss. Klappt aber ganz gut.

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