Daheim & Unterwegs

Gefangen in Gazprom-Land

DSC00270Nach dem Flop nördlich von Agirish (Агириш) sahen wir noch einen anderen Weg, nach Khulimsunt (Хулимсунт) zu kommen: Von Punga (пунга, wohl ehr ein Fluss, als ein Ort) westlich von Svetlyy (Светлый) geht eine Pipeline Trasse direkt nach Khulimsunt. Da führt auch irgendwie eine Strasse hin, also auf bis zur Kreuzung, wo wir von der Nord-Süd Betonpiste nach Westen Richtung Agirish abgebogen waren!

Da war irgend ein Schild, dass auf den kommenden 40 km? oder in 40 km? Ach egal! Also auf Betonplatten ins Abendrot geritten. Auf OpenStreetMap (OSM) heist die Strasse „Avtozimnik Sovetsky – Igrim“. Klingt doch gut. Sovetsky (Советский) ist der Nachbarort von Jugorsk, wo wir herkommen. Igrim ist fast da, wo wir hin wollen. „Avtozimnik“ bedeutet … ach, egal!

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DSC00264Im Dunkeln kommen wir an einer Gabelung an. Den Plattenweg weiter gradeaus scheint ein Wachposten zu sein. Da wo es auf Schotter weitergeht ist eine offene Schranke und ein grosses Schild. Huch hier geht ja Internet und damit Google Translate.

DSC00263Derweil schaltet der Wachposten scheinbar schon seinen Suchscheinwerfer ein. Irgendwie sollten wir ja gar nicht hier sein. Wir fühlen uns extrem unwohl. Dann eben nicht! 120 km zurück nach Jugorsk! Hmm. Irgendwie sind wir heut Abend beide hasenfüssig drauf.

moreErstmal die Autos unauffällig abstellen und zu Fuß zum Posten.

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Da stellt sich raus: das ist kein Suchscheinwerfer, sondern eine bessere Strassenlaterne mit Zeitschaltuhr. Das Tor ist nur angelehnt, führt zu ein paar Wohnblöcken und davor stehen ein paar Privatwagen. Scheinbar geht uns die übliche lockere Art heute etwas ab.

Entspannt zurück zu den Autos. Plan: wir übernachten hier. Morgen ist Sonntag. Wir fahren vor Tag und Tau die „verbotene Strasse“ hoch bis Punga.
DSC00281 Bevor irgendjemand richtig wach ist, sind wir längst da. 2-3 h Fahrzeit, also um 6:00 los. Oder doch lieber um 7:00, man soll nicht übertreiben. Also ein Stück zurück an einer Abzweigung, die wir definitiv nicht fahren wollten und da Nachtruhe. Ich verlange ordentlich zu parken, damit es offiziell aussieht. Günni lacht mich aus, macht aber mit.

Es fahren allerlei Autos vorbei, die wir geflissentlich ignorieren. Muss an meiner Parkstrategie gelegen haben.

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DSC00280Am nächsten Morgen geht es ungewohnt früh, das heist nahezu pünktlich los. Wir lachen uns tot darüber, das wir uns am Vortag von diesem „Wachposten“ haben ins Boxhorn jagen lassen. Die Piste ist ziemlich ok, lässt sich schnell fahren und bietet allerlei Ausblicke.

Den gelegentlichen Hubschrauberlandeplatz mit eingeschalteter Flugfeldbefeuerung.

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Furchterregende Auswaschungen rechts und links.

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Aber die Strasse ist fast immer in Top-Zustand.

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Ein Grossteil der Piste ist auf einem Kunststoffgeflecht errichtet, was scheinbar Schlaglöcher und Bodenwellen nahezu komplett verhindern kann. Ein ganz ungewohntes Reisegefühl.

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Als Gegenverkehr kommen jede Menge normale PKW und einiges an schwerem Gerät entgegen.

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Dann wird es plötzlich belebt. Links ein riesiges Dorf aus mindestens 50 Baubuden – ob da die Reisebusse her Stammen, die uns kurz hinter Jugorsk entgegen kamen?

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Rechts eine grosse Pipeline Baustelle. In der Mitte ein LKW-Friedhof mit verschiedenen Verfallszuständen. Oder ist das eine Freiluftwerkstatt?

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Und etwa hundert Meter weiter

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… ein Schlagbaum. Während wir eine viertel Stunde versuchen zu entziffern, was da steht (zuhause rausgefunden: „Zeit wann man durchfahren kann: morgens 8-8.30, abends 20-20.30″ „Durchfahrt nur gestattet wenn von Chef genehmigt“). Der Schlagbaum ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Umfahren geht auch nicht, waren keine Stümper, die den installiert haben.

Dann kommt ein Sicherheitsmensch mit einem schicken Lada Niva Pickup angefahren. Er legt den Schlüssel vom Vorhängeschloss auf die Motorhaube und will unsere Passierscheine noch eben sehen, bevor er uns durch lässt.

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Es dauert einige Zeit is er begreift, das wir die gewünschten unterlagen nicht haben. Wo wir denn hin wollen? Auf das bin ich vorbereitet.

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Khulimsunt kommt man hier nicht lang. Igrim und Svetly auch nicht. Punga schon, aber nicht ohne Permit. Von Igrim (Игрим) gibt es keinen Weg nach Khulimsunt. Von Punga schon, aber den kann man nur im Winter fahren. Jetzt käme man nur mit dem Hubschrauber nach Khulimsunt. Scheinbar ist von hier weder ein Durchkommen zum mächtigen Strom Ob richtung Priobje (Прио́бье) im Osten noch zum Ural im Westen.

Er funkt viel hin und her. Irgendwann ist tatsächlich jemand am Telefon, der deutsch mit uns spricht. Unglaublich. Was wir denn da vor hätten. Tourismus? Warum um Himmels Willen? In Punga gäb es rein gar nichts zu sehen, das sei ein Dorf und obendrein eine reine Company-Town.

Zwischendurch Gegenverkehr: Ein Hoffnungsschimmer?

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Nach vielen Verbindungszusammenbrüchen ist klar: Wir dürfen nur mit Permit hier lang nach Punga, das gibt es nur in der Gasprom/Transgas Zentrale in Jugorsk, 160 km zurück. Es würde auch nicht einfach das zu kriegen. Punga sei obendrein eine Sackgasse.

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Wir sind etwas geknickt. Was uns aber sprachlos macht, ist die Mühe, die sich gegeben wurde, zu verstehen was wir wollen und uns einen Weg zu finden, das zu erreichen. Die Situation war die ganze zeit sehr freundlich und kein bisschen bedrohlich. Man hatte das Gefühl, das es am Ende allen leid tat, uns nicht so recht weiter helfen zu können.

Hilft alles nicht, wir fahren zurück durch den LKW-Friedhof nach Süden. Aber das sollte nicht das Ende sein.

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Siehe Track bei wikiloc.