Daheim & Unterwegs

Von Ivdel Richtung Man PuPu Ner.

Unser Weg durch Serow über Landstrassen und dann von Ivdel aus aus der Zivilisation nach Norden über üble Pisten bis zur Umkehr gab es zuerst bei Günther zu lesen. Hier meine Version der Ereignisse:

Nach unserer Anreise nach Ivdel am Vortag kann es Richtig in die Einsamkeit Richtung Man PuPu Ner gehen. Im Grunde werden wir auf 150 km dem Fluss Lozva (Лозьва, Loswa) gen Norden folgen.

Es geht erst durch das hübsche Polunochnoye (Полуночное, bedeutet „Mitternacht“), das sogar ein Eishockey-Stadium hat – im Winter.

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Danach kommt Severnyy (Северный, bedeutet „Norden“) – eine Bergbausiedlung, die vor 50 Jahren fast 2500 und jetzt nur noch knapp 150 Einwohner hat. Dementsprechend sieht es da auch aus. Dafür gibt es da jede Menge Mondlandschaft.

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Auch Polunochnoye hat in den letzten 30 Jahren fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Beide Städte haben eine Interessante Geschichte. In Polunochnoye endet momentan die Eisenbahn von Serow kommend. Beide Orte wurden 1942 gegründet, als die Sowjetunion durch den zweiten Weltkrieg von den Manganvorkommen im Kaukasus und in der Ukraine abgeschnitten war.

Es ist unter dem Namen „Nordsibirische Eisenbahn“ ein großes Bahn Projekt geplant, dass von westlich des Ural Uchta & Troitsko-Pechora über den Ural führen soll und dann durch Polunochnoye und von da über Ivdel entlang der Strasse Richtung Ob nach Surgut und irgendwo zur BAM gehen soll. Das würde heissen, das ein neuer Ural-Pass gebaut wird. Siehe auch hier, hier und hier.

In Polunochnoye und Severnyy haben wir auch noch mal kurz Mobilfunk, aber ansonsten ist es ab Ivdel Vorbei mit der elektronischen Hundeleine namens Handy.

Ansonsten ganz viel Piste mit erstaunlich viel Verkehr und eine knirschende Brücke bis Vizhay (Вижай), knapp 50 km hinter Severnyy.

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Ivdel selber war seit 1937 ein GULAG namens Ivdellag (Ивдельлага) und erst Später zur Stadt. Auch heute noch beherbergt die Stadt mehrere Strafkolonien.

Vizhay war wohl ein Aussenlager und von über 1000 Gefangenen bevölkert. Entlang der Strasse finden sich genug Belege, dass es einmal eine Stromversorgung für Vizhay gab und dass über alle Flüsse Brücken führten. Nach einem Waldbrand 2010 soll die Stadt verlassen ein. Heute soll dort ein knappes Dutzend der Ureinwohner der Region (Mansen) wohnen. Es gibt wohl auch so etwas wie das Vereinsheim eines Angel Clubs.

Vorher muss Vizhay auch der Ausgangspunkt für alle touristischen Aktivitäten in der Region gewesen sein. So startete 1959 die unglückselige Expedition zum Djatlow-Pass von hier.

Die Natur erholt sch nur sehr langsam von dem gigantischen Feuer.

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Aktuell begrüsst einen etwas, was ein bisschen wie eine Pfadfinder-Burg aussieht am Ortseingang.

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Den zugehörigen Wachturm muss ich sofort bemannen …

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Der Friedhof im verbrannten Wald sieht fröhlich-trostlos aus.

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Der Ort selber hat vielleicht 5 Gebäude und ist seltsam. Wir fahren weiter nach Ushma (Ушма, die Siedlung, nicht der Fluss). Die Strecke ist hier wesentlich weniger gut ausgebaut. Mehr Furten und zum Teil müssen wir sogar ein Stück durch ein Flussbett fahren.

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dsc09896Wir treffen eine Truppe Locals die mit Saufen und Quad-Fahren beschäftigt sind. Die Konversation ist wenig erhellend. Die meinen wir kommen nicht zum Djatlow-Pass. Die Büame ständen zu eng, die Steigungen wuaren zu steil und was noch. Ausser wir würden 30 km durchs Flussbett fahren.

Nein Danke! Wir haben spätestens da das Gefühl, dass man uns ins Boxhorn jagen will.

Die folgende Furt fahre ich zur Belustigung der Jungs völlig falsch an, würge den Motor ab und Wasserdampf steigt von heissen Motorteilen auf. Nach einem Adrenalinstoß krieg ich die Karre aber wieder an und lande Wohlbehalten am rettenden Ufer.

Auch nach Ushma (Ушма) führte irgendwann mal eine Stromleitung und zum Teil gab es bedeutende Brücken. Jetzt gibt es ein halbes dutzend neue Datschen am Zusammenfluss vom Fluß Ushma und Lozva und jede Menge Hausreste, die wohl als Brennholz geplündert werden. Die Fußgängerbrücke, die es mal über den Fluss gab, ist inzwischen verschwunden.

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Wenn man der Beschreibung dieses Geocaches (!) glaubt, war Ushma etwas wie ein „Wiedereingliederungslager“ für das GULAG Ivdellag und seine Aussenlager.

Für Menschen, die alle Freuden des Gulag gekostet haben, war das Leben ein Hauch von Freiheit. Kein Stacheldraht, Wachtürme, permanentes Gebrüll Wache. Allerdings ging es für kleinere Vergehen (zB das Plansoll von 5 Kubikmeter Holz pro Person und Tag im Sägewerk nicht erfüllt) ging im besten Fall in den Arrest. Wegen „Sabotage“ (krank, nicht die Kraft, zur Arbeit zu gehen, etc.) ging es zurück ins Lager. Im Dorf gab es ein Sägewerk, Banjas, Bäckerei und eine Wäscherei. Der Park hatte sogar eine Kinderschaukel. Aus Ushmaev entkam nie jemand – es gab nichts wohin man hätte entkommen können. (Quelle: S.Filippov, S.Sigachev. „Das System der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion“)

Wunderbare Natur am Lozva Ufer, ein tolles Plätzchen, wären da nicht die Mücken.

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Wir stellen uns etwas weg vom Wasser zwischen die Ruinen.

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Genug für Heute!

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125 km an einem Tag. Den Track gibts bei wikiloc. Am nächten Tag nach Man PuPu Ner!