Daheim & Unterwegs

Erster Tag in Russland

Nach der Fährfahrt und Durchquerung Finnlands hatte ich noch ca 1700 km durch Russland bis Kirov, unserem Treffpunkt. Ich war gespannt, was für Strassen mich erwarten.

Navigiert habe ich überwiegend mit „CoPilot Truck“ von Trimble/ALK auf dem iPhone. Das klappte im europäischen Teil Russlands auch sehr zufriedenstellend.

Erst ging vom Grenzübergang Niirala durch Ost-Karelien am Nordufer des Ladoga Sees entlang. Es war Sonntag, jede Menge Leute waren Baden, oder Pilze am Strassenrand verkaufen, die sie im Wald gesucht hatten. Karelien war sehr, sehr schön, da will ich noch mal hin.

QV7Snapz001Auf der E105 ging es nach 265 km vor Lodejnoje Polje vom Oblast Karelien in den Leningrader Oblast. 140 km weiter östlich ging es südlich vom Onega See in den Wologda Oblast (Vologda, Вологда). Zwischendurch mal Tanken – ging erstaunlich gut.

Kurz vorher durfte ich schon russische Strassenzustände erleben: Was auf der Strassenkarte (im Bild oben RKV-Karte Russland-West)
IMG_8708 wie eine ganz normale Überlandstrasse aussah, wurde plötzlich zur üblen Erd- und Sandpiste. Hatte ich mich verfahren?

Laut anderen Karten hätte ed durchaus eine Alternative, nördliche Route gegeben.
QV7Snapz002 Die sah an den Kreuzungen etwas besser aus. Bei RKV war die nur durch einen dünnen grauen Strich angedeutet.

Der Untergrund ohne Teerdecke war mir ja durchaus recht. Aber auch die Bodenwellen waren fürchterlich. Der Laster ratterte, bockte und hüpfte fürchterlich. Was bei einem Geländewagen noch gut geht – vor einer Bodenwelle stark abbremsen, ausgekuppelt durchrollen, beschleunigen – geht mit einem 12 Tonnen Fahrzeug mit automatisiertem Schaltgetriebe so gar nicht. Immer wieder hüpfte der Laster so sehr, dass ich nur vom Gurt im Sitz gehalten wurde. Stück für Stück verteilte sich der Inhalt des Führerhauses neu. Im Wohnaufbau blieb zum Glück alles im grossen und ganzen an seinem Platz.

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Irgendwo sah ich mal im Rückspiegel ein etwa Kaffeetassen grosses Teil vom LKW weg fliegen, auftitschen wie ein Gummiball und dann im Gebüsch verschwinden. Aussteigen und Suchen musste ich recht schnell abbrechen, weil bei affenartiger Hitze sofort jede Menge Mücken und andere Plagegeister über mich her fielen. Naja, ich hab bis heute (September) nichts am LKW vermisst …

Aber da tropft ja Wasser aus dem Staukasten! Nach etwas suchen finde ich heraus, das von den 24 PET Wasserflaschen, die ich dabei habe, zwei durchgescheuert (bzw. geborsten) sind und lecken. Na super. Mein Werkzeug lagert jetzt in einem Fußbad! Kann man nix machen.

Die Durchfahrt durch das Örtchen Oshta (Ошта) war Abenteuerlich. Dann erst mal wieder Teer. Östlich des hübschen Ortes Nizhnyaya Vodlitsa (Нижняя Водлица ) bei der Ostspitze des Onegasees wird die Piste Strasse wieder ungeteert. Diesmal waren auch jede Menge anderer Fahrzeuge unterwegs.

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Gelernt: in Russland wechselt der Strassenzustand immer mal wieder zwischen katastrophal und perfekt. Grosses Land, viele Strassen, problematischer Bauuntergrund oft Regionen mit wenigen Baumaterialien, die lokal verfügbar sind. Es wird ständig und überall gebaut und ich hab auch immer noch nicht alle Spritzer von frischem Bitumen los.

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Mal sind die Strecken erste Sahne, mal voller Schlaglöcher, mal ist der Oberbau perfekt, aber der Unterbau weggesackt, so das einen die Bodenwellen auf 20 km/h zwingen und mal hat man „dirt road“ mit so gutem Unterbau, dass man problemlos 80 km/h darauf fahren kann. Bei Regen wird das ganze sicher noch ganz besonders spannend.

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Derweil immer mal wieder Kirchen- oder Herrenhausruinen an der Strasse. Dörfer mit teilweise verlassenen Häusern.

Die Häuser, die noch bewohnt sind, sind aber oft liebevoll und bunt gestaltet. Kleine Kunstwerke an Zäunen und in Vorgärten sind oft zu sehen.

Alles in allem fühl ich mich hier sehr wohl. Ganz anders, als in Kalliningrad kein Kulturschock.

Kirchen Neubauten finden sich. Allerlei Bautätigkeit allgemein. Kinder auf der Strasse. Das wetter ist schön, die Landschaft lieblich. Da fällt es nicht schwer, sich hier wohl zu fühlen.

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Bei Wytegra (Vytegra/Вытегра) quere ich den Wolga-Baltik-Kanal wo Kreuzfahrtschiffe passieren. Sehr pittoresk.

Vieleicht 25 km weiter mache ich am Kanal mein erstes Picknick in Russland.

Irgendwo recht schief am Strassenrand. Aber die Aussicht ist schon sehr, wie man sich Urlaub vorstellt.

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Etwa 60 km weiter, kurz vor Ignatovo, wo die P5 nach Süden abknickt und die P1 weiter östlich geht wird es nebelig und dämmerig. Zeit sich einen Nachtplatz zu suchen. Das Navi zeigt Fluss und Brücke etwa 200 m Abseits der Strasse – auf der anderen Seite ist es sicher gemütlich…

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Leider sind nicht nur andere Menschen mit laut kläffenden Hunden auf der anderen Seite, sondern die Brücke ist auch ganz klar nicht mehr befahrbar. Ich fahre also zwischen den aufgegebenen und teilweise zerfallenen Häusern auf der einen Seite hin und schaue auf die Ruinen auf der anderen Seite.

Und doch: hinter einem der besser aussehenden Häuser regt sich was hinter dem Fenster. Hier leben also doch Leute.

Da ich mich denen nicht direkt in den Vorgarten stellen will, suche ich ein Stück zurück am Wegesrand ein Plätzchen vor einer Ruine und übernachte dort.

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Meine erste Nacht in Russland. Fühlt sich nicht schlecht an. Am nächsten Tag weiter Richtung Kirov!

Track zum Tag gibt es hier.